Programm 2023

EINE PERSPEKTIVE AUFZEIGEN, UM SICH SELBST WAHRZUNEHMEN

Schon seit Beginn seiner Karriere beschäftigt sich der dänische Regisseur Simon Lereng Wilmont mit dem schwierigen Leben von Heranwachsenden, die eigentlich eine sichere Existenz haben, ihre Situation durch äußere Umstände aber vorübergehend aus dem Gleichgewicht gerät. Es geht in seinen Filmen aber auch um Kinder, die aufgrund ihres sozialen Umfelds keinen normalen Entwicklungsweg einschlagen können. Wilmot war einer der wenigen Filmschaffenden, die sich schon zu Beginn der Annexion der Krim in das ostukrainische Frontgebiet wagten. Daraus entstand sein Dokumentarfilm „The Distant Barking of Dogs“, welcher 2019 auf der Oscar-Shortlist landete.

Von Ralf Hermersdorfer

Herr Wilmont, einige Jahre nach ihrem ersten Filmprojekt in der Ukraine, noch vor dem russischen Angriff 2022, kehrten Sie zurück, um das Leben in einem Kinderheim in der Großstadt Lyssytschansk zu drehen. Ihr Dokumentarfilm trägt den Titel „A House Made of Splinters“, ein Scherbenhaus. Das ist von Ihnen durchaus sinnbildlich gemeint, übergreifend auf die politische Situation in der Ukraine.

Als ich bei den Dreharbeiten für „The Distant Barking of Dogs“ das Leben und die emotionale Beziehung zwischen einem kleinen Jungen und seiner Oma in der Ostukraine verfolgte, wurde die Großmutter plötzlich sehr krank. Ich hatte richtige Angst, dass sie sterben würde, denn sie hatte das alleinige Sorgerecht für den Jungen. Nach langer und schwerer Krankheit erholte sie sich glücklicherweise und unabhängig vom Kriegsbeginn im Februar 2022 geht es beiden heute gut. Inzwischen leben sie in einem relativ sicheren Teil der Ukraine, aber die Großmutter kann dieser allgegenwärtigen Frage, was mit dem Jungen nach ihrem Ableben passieren würde, nicht ganz entkommen. Das hat mich zu tiefgründigeren Recherchen über Kinderheime in der Ukraine geführt, die mich schließlich in die nördlichen Gebiete der damaligen Frontlinie in der Ostukraine führten, wo es unzählige Minderjährige ohne elterliche Fürsorge gibt. Sie leben einen Alltag unter permanenter physischer Gefahr, geprägt von Instabilität und Zukunftsängsten. Wie ist es für Kinder, in einem Kriegsgebiet aufzuwachsen? Mir war wichtig, darzustellen, welchen Umständen sie in diesem beeinflussbaren Alter, zwischen Kindheit und den frühen Stadien des Erwachsenseins, ausgesetzt sind.

Sie standen für Ihren zweiten Dokumentarfilm aus der Ukraine selbst hinter der Kamera und waren somit unmittelbar mit dem alltäglichen Leid dieser Kinder in dem Kinderheim von Lyssytschansk konfrontiert. Was hat das mit Ihnen während der Dreharbeiten gemacht?

Während des gesamten Projekts war ich eigentlich nicht ganz allein, da ich unglaubliche Hilfe von meinem ukrainischen Regieassistenten Asad Safarov bekam. Allerdings waren wir uns lange Zeit wirklich nicht sicher, diese Geschichte überhaupt zu erzählen, wo doch so viel Tragik mit im Spiel ist. Die gezeigten, emotional berührenden Szenen sind nur ein Bruchteil davon, was wir vor Ort erlebt haben. Es war verheerend für die Heimkinder, die schlimmsten Tage ihres noch jungen Lebens. Uns selbst hat es sehr mitgenommen, denn man wächst mit ihnen jeden Tag enger zusammen und möchte, dass sie hoffentlich die Chance auf ein normales Leben bekommen. Aber als das ganze Projekt voranschritt wurde uns klar, dass es sonst niemanden gibt, der auf das Schicksal dieser Kinder aufmerksam machen würde. Und ohne die Geschichten dieser Kinder aufzuzeigen, wird sich nie etwas ändern. Ab diesem Moment begannen wir zu begreifen, warum wir von der Zivilverwaltung überhaupt in das Kinderheim gelassen wurden. Es war einfach nur ein Hilfeschrei.

Die Kinder kommen aus zerrütteten Familien, wo alltägliche Gewalt und Alkoholmissbrauch eine Rolle spielen. Und sie haben selbst kaum eine Chance auf ein erfülltes Leben. Was gab Ihnen das Gefühl der Zuversicht, um solch einen Film überhaupt zu drehen?

Diese Kinder leiden am meisten unter den unsichtbaren, aber nicht weniger langfristigen und verheerenden Kriegsfolgen für die Zivilgesellschaft. Nicht nur unter den physischen Angriffen in der eigenen Familie, sondern auch unter den sozialen Folgen des Krieges, der vor der eigenen Haustür tobt. Am meisten hat mich beeindruckt, welche magische Fähigkeit diese Kinder besitzen, sich den Unwägbarkeiten anzupassen. Sie sind in der Lage, etwas Magisches im Leben zu finden, obwohl sie ständig diversen Enttäuschungen ausgesetzt sind. Wenn sie nur eine kleine Chance bekämen, um aufzublühen, könnten sie das Wichtigste im Leben erreichen – nämlich enge, menschliche, warme Beziehungen. Diese Hoffnung auf eine für sie bessere Zukunft hat mich davon überzeugt, einen derartigen Film zu machen.

Wie lange haben Sie dort in der Einrichtung von Lyssytschansk gedreht? Und wie war die Beziehung zu den Heimkindern, als die Kamera auch mal aus war?

Ich wollte von Anfang an regelmäßig jeden zweiten Monat kommen und für eine Woche oder zehn Tage dort im Kinderheim bleiben, um den zeitlichen Verlauf auch darstellen zu können. Die Dreharbeiten dauerten schließlich fast zwei Jahre, es waren zusammengerechnet insgesamt etwa vier Monate vor Ort. Die meiste Zeit verbringt man damit, ein bisschen Freude zu verbreiten und die Kinder durch einzelne Momente glücklich zu machen, sofern das überhaupt möglich ist. Wenn man möchte, dass die Kinder einem vertrauen und sie dich in diese sehr verletzlichen Situationen hineinlassen, dann müssen sie genau verstehen, wer man ist und warum man da ist. Sie müssen sich in deiner Gegenwart wohlfühlen. Es geht also darum, grundsätzlich ehrlich und aufrichtig ihnen gegenüber zu sein. Ich habe selbst zwei Kinder, die ungefähr im gleichen Alter sind wie die ukrainischen Heimkinder, und ich liebe es, zusammen mit ihnen Zeit zu verbringen. (lacht) Die Beziehung zu den Kindern in Lyssytschansk war so gut, dass die Betreuerinnen irgendwann angefangen haben, uns als Disziplinarmaßnahme zu benutzen. Wenn sie sich nicht benehmen würden, so dürften wir sie nicht mehr besuchen kommen. Ehrlichkeit und Respekt sind der Schlüssel für eine Vertrauensbasis und das war der wichtigste Teil des Dokumentarfilms.

Der Film öffnet sicherlich vielen Menschen die Augen über die prekäre Lage in den ukrainischen Kinderheimen. Hat sich in der Zwischenzeit dort etwas zum Positiven verändert?

Unser Film fand viel Zuspruch, weil er beim renommierten „Sundance Film Festival“ uraufgeführt wurde. Das öffnete uns die Türen, um mit diversen Politikern sprechen zu können. Wir durften den Film sogar in Kiew zeigen, wo die Ombudsfrau des ukrainischen Präsidenten, die für Kinderrechte zuständig ist, anwesend war. Sie zeigte sich völlig begeistert davon und wollte es sogar Selenskyj vorführen. Ich hoffe, sie hat es inzwischen auch getan. Außerdem hatten sich einige ukrainische Initiativen den Film zu eigen gemacht, um ihre politische Agenda voranzutreiben, was meiner Meinung nach tatsächlich zu funktionieren beginnt, da große institutionalisierte, staatliche Waisenhäuser nun geschlossen werden, um diese Kinder endlich an so viele Familien wie möglich zu verteilen. Dadurch soll den Kindern das Gefühl einer Familie vermittelt werden, was in diesen übergroßen Heimgruppen einfach nicht möglich ist.

Aus Ihrer persönlichen Erfahrung: Konnten Sie mit Ihrem Film nachhaltig erreichen, das Leiden der Kinder in irgendeiner Form erträglicher zu machen?

Das ist eine Frage, die ich mir selbst oft gestellt habe. Wissen Sie, wenn ich nachts aufwache und nicht mehr schlafen kann, denke ich oft, dass dieser Film sowohl Hoffnung als auch eine Art Konsequenz bedeuten könnte. Ich hoffe, er wird als eine Art Mahnung gesehen, weiter zu versuchen, das Leben dieser Kinder in Zukunft zu verbessern und etwas gegen die furchtbare, soziale Situation in der Ukraine zu tun. Wie erfolgreich das werden kann, vermag ich leider nicht zu beurteilen. Ich würde auch gern daran glauben, dass es eine Hoffnung für die Heimbetreuer bedeutet, die ihrer alltäglichen Arbeit mit ganz viel Herzblut nachgehen und dass ihnen dadurch bewusst wird, wie wichtig ihre Arbeit wirklich für jedes einzelne Kind ist. Mir ist wichtig, dass die Kinder wissen, wie toll sie sind und ich hoffe, dass ich ihnen zumindest ein bisschen eine andere Perspektive aufzeigen konnte, damit sie sich selbst in einer anderen Art und Weise wahrnehmen. Dass sie ihr Potenzial wirklich erkennen. Das ist meine größte Hoffnung.

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