Eva Trobisch

Anerkennen, was einen prägt und verbindet

Regisseurin Eva Trobisch bildet in ihrem dritten Spielfilm „Etwas ganz Besonderes“ feinfühlig und subtil unterschiedliche  Lebensrealitäten in der ostdeutschen Provinz ab. Der überzeugende Cast wird angeführt von der 17jährigen Frida Hornemann, die in ihrer ersten Rolle als Lea beeindruckt. Die vermeintlich unspektakulären Lebensumstände ihrer Familie in dem Film sind geprägt von Konflikten und finanzieller Unsicherheit. Filmproduzent Peter Hartwig im Gespräch mit Eva Trobisch über die Suche nach Lebendigkeit und Glaubwürdigkeit.

 

Eva, ein ganz wichtiger Punkt ist der Ort, an dem dieser Film spielt: Greiz, diese Stadt im Südosten Thüringens, kurz an der sächsischen Grenze. Was war der Grund, dass du diesen sehr wichtigen Ort für den Film gewählt hast?

Der Grund ist ganz irdisch: Mein Opa kommt daher. Und genau der hat mir vor circa zehn Jahren die Idee gegeben, als ich ihn fragte: „Opa, erzähl doch mal deine Lebensgeschichte.“ Das sollte man gar nicht oft genug bei seinen Eltern, Großeltern und Verwandten fragen. Wir sind dann als Familie mit meiner Mutter und meiner Schwester die Stationen seines Lebens abgefahren. Er hat uns gezeigt, wo er geboren wurde. Und ich habe mich unheimlich erschrocken. Ich war total beeindruckt von dem Ort und habe mich ein bisschen geschämt, dass ich das so gar nicht kannte, dass ich diesem Teil von Deutschland recht ignorant gegenüberstand. Ich kannte die Uckermark und Mecklenburg, aber mir war diese Landschaft total neu. Und ich liebe dieses Blau des Tannenwaldes und diese Hügel, und das fand ich alles wahnsinnig schön. Mir war auch nicht bewusst, dass es diese Residenzstadt gibt, die so viel hochherrschaftliche Architektur birgt, die aber zu großen Teilen gar nicht mehr bewohnt ist. Diese Grandezza einerseits und dieses unausgeschöpfte Potenzial gleichzeitig, diese Melancholie des Leerstands, eingebettet in diese sanfte Landschaft – das hat mich alles ziemlich umgehauen.

Dein Film ist auch eine cineastische Familienaufstellung mit den vielen Figuren, die du erzählst. Auch die Natur, die Archaik, der Wald und die Geschichte mit dem Pferd, die ebenfalls etwas über den Zustand der Familie erzählt. Gibt es überhaupt eine Hauptfigur oder gibt es einfach mehrere Hauptfiguren?

Für mich war von Anfang an klar, dass die DNA dieses Projekts ist, dass es eben keine Hauptfigur gibt, sondern dass es ein multiperspektivischer Film ist, dass ganz viele verschiedene Geschichten aus ganz vielen verschiedenen Blickwinkeln erzählt werden. Dann gibt es natürlich ein paar dramaturgische Kniffe, damit man sich durch ein Drehbuch und einen Schnitt navigiert, ohne dass alle völlig aus der Kurve fliegen und irgendwie noch halbwegs dranbleiben. Da baut man ein paar Staffelstabübergaben ein. Ich habe mich auf den Vater und die Tochter konzentriert: Einer betritt die Szene und der andere verlässt die Szene, damit es einfach einen roten Faden gibt. Aber es war für mich immer klar, dass ich sozusagen die Familie als Hauptfigur und innerhalb dieser Familie im Mikrokosmos etwas erzählen will, was im Makrokosmos, gesellschaftlich gesehen, übertragbar und übersetzbar ist.

Du hast diesen Ort ganz bewusst gewählt, die Menschen und die Dinge sind eingebunden in diese Umgebung. Welche Rolle spielt die Heimat für die Figuren?

Für mich sind Heimat und Identität und die eigene Geschichte etwas, womit ich sehr ringe und was mich sehr beschäftigt. Einerseits habe ich das Gefühl, wir brauchen das alle, und es ist sinnstiftend und identitätsstiftend. Gleichzeitig hadere ich aber auch damit. Ich habe das Gefühl, dieser ganze Identitätsbegriff oder auch identitäre Politik steht uns oft im Weg oder ist der Keim vieler schlimmer Dinge auf der Welt: Ausgrenzung und Abgrenzung. Für Patriotismus habe ich auch nicht so warme Gefühle. Darum kreist natürlich der Film: Wie wichtig ist Identität? Was ist die eigene Geschichte? Wer darf sie erzählen und wem hören wir zu? Warum erzählen wir unsere eigene Geschichte so, wie wir sie erzählen, und nicht anders? Das sind die Fragen, die mich beim Arbeiten, beim Schreiben und auch ganz persönlich weiterhin beschäftigen. Dieser Film schafft es auch nicht, irgendetwas zu beantworten, sondern ist eine Einladung zum Austausch und Gespräch. Insofern: Es ist kein Film im Sinne des Besingens der schönen Heimat ohne jeden doppelten Boden, sondern ein Angebot zur Auseinandersetzung.

Aber gerade deshalb besticht er durch eine unglaublich angenehme, überwiegende Unaufgeregtheit: Normalität in der Sprache, in den Texten und in der Geschichte. Wie bist du bei dem Projekt in der Vorbereitung mit deinen Darstellern angegangen?

Ich bin immer auf der Suche nach Lebendigkeit und Glaubwürdigkeit. Und weil Film so teuer, aufwendig und kompliziert ist und so viele Leute involviert sind, ist es natürlich immer unheimlich schwer, das herzustellen. Das Gefühl, es passiert alles ohne unser Zutun und wir sind nur zufällig mit der Kamera dabei, ist oft viel mehr Arbeit, als man denkt. In dem Fall war es mir noch besonders wichtig, dass diese Familie einen Ton hat und gleich schwingt und, ich glaube, dass die aus einem Stall kommen. Insofern war es wichtig, dass ich Kombinations-Castings gemacht habe, dass sie sich alle vorher kennengelernt haben. Bevor wir überhaupt in die Proben gegangen sind, kannten sie sich schon ziemlich gut. Dann haben wir noch eine Woche am Hauptmotiv in der Pension verbracht, einen Monat vor dem Dreh, gekocht, die Kameras mitlaufen lassen und Spiele gespielt ohne Ende. Jeder musste mit jedem Familienmitglied ein Geheimnis haben, das war der Auftrag. Dann haben wir ein paar Szenen aus deren Vergangenheit improvisiert, also wirklich so einen gemeinsamen kollektiven Gedächtniskörper zu bauen und den Ort zu bespielen und einzuatmen und darin vertraut zu werden. Und es hat total Spaß gemacht.

Für die Rolle der Lea hast du quasi eine Newcomerin gefunden, Frieda Hornemann aus Leipzig, erst 17 Jahre alt und noch nie vor einer Kamera gestanden. Wie ich finde, hatte sie eine wahnsinnig schwere Rolle zu spielen, diese Zerrissenheit zwischen den Fronten, dieses eigene Suchen: Wer bin ich? Wie war die Arbeit mit ihr?

Es war tatsächlich total einfach. Sie ist genauso, wie sie im Film ist, auf ihre ganz eigene Art. Das Casting für den Film war sehr aufwendig, und ich hatte ganz viele tolle Mädchen. Aber Frieda kam rein, und ich hatte das Gefühl, das ist ihr komplett egal, ob das klappt. Und wenn nicht, dann spielt sie halt Volleyball oder weiß der Kuckuck was. Sie war wahnsinnig unaufgeregt und hatte überhaupt kein Geltungsbedürfnis. Das fand ich toll. Eigentlich war für mich die Figur ursprünglich ein bisschen zerrissener, ein bisschen dunkler, abgründiger. Und dann kam dieses helle, gesunde und unaufgeregte Wesen in den Casting-Raum, und ich hatte das Gefühl, die hat wirklich noch nicht darüber nachgedacht, wie sie von außen wirkt. Und darum geht es in dem Film: Da ist ein junges Mädchen, das zum ersten Mal in diesen Shuttle steigt und plötzlich von außen auf sich und ihre Familie schaut und auf ihre eigene Geschichte. Das fand ich ein totales Geschenk. Und das ist der Zauber am Casting, dass man manchmal wirklich überrascht wird und dass man auf einmal alles über Bord wirft und denkt: Nein, das ist eigentlich viel aufregender und viel toller.

Dein Film erzählt auch über die Frage: Wie funktioniert eine Familie und wie viel Arbeit steckt da auch drin? Man sagt, eine Beziehung kostet Kraft und Arbeit. Welche Rolle spielt Familie in deinem privaten Leben?

Auch eine ambivalente, weil ich einerseits infrage stelle, warum man automatisch mit Menschen, die einen in die Welt gesetzt haben oder rein biologisch mit einem verbunden sind, näher oder verbundener sein soll als mit Menschen, die man sich ganz bewusst aussucht. Ich bin auch ein großer Freund von Wahlfamilie und Wahlverwandtschaft. Gleichzeitig sind es natürlich die ersten prägenden Jahre, und so richtig los wird man sie dann doch nicht. Und irgendwie will man sich auch mit ihnen auseinandersetzen. Ich habe mich in meiner ganz privaten Entwicklung auch erst einmal gegen meine Familie gestemmt, die den großen Systembruch erlebt hat. Und je älter ich werde, umso genauer schaut man hin und kann anerkennen, was einem geschenkt wurde, was einen geprägt hat und was einen vielleicht eben auch verbindet. Ein Freund von mir hat irgendwann mal bei einem Screening gesagt: „Das ist eine Coming-of-Age-Geschichte in drei Generationen.“ Und das mochte ich total gern. Die Idee, dass man eben nicht nur pubertär oder adoleszent ist, wenn man Teenager ist, sondern sich eigentlich immer wieder häutet oder immer wieder die Frage stellen muss: Ist das das Leben, das ich leben will? Funktioniert das so für mich? Das war auch eine Initialzündung für die Geschichte des Films. Warum müssen immer die Jungen aufbrechen? Warum können nicht auch mal die Großeltern sagen: Mir reicht’s, und ich gucke noch mal, wie es auch anders gehen kann!

Vielen Dank für diese schönen Einblicke in die Arbeit an deinem Film und für das angenehme Gespräch.

 

Aufgezeichnet von Ralf Hermersdorfer

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