Über die Suche und den Verlust des Glaubens
In dem Film „Der verlorene Mann“ führen die Künstlerin Hanne und der pensionierte Pfarrer Bernd eine eingefahrene Ehe. Eines Tages steht Kurt, Hannes früherer Ehemann, überraschend vor der Tür. Der kann sich aufgrund einer Demenzerkrankung nicht mehr erinnern, dass er und Hanne schon seit zwanzig Jahren geschieden sind. Produzent Peter Hartwig im Gespräch mit Schauspieler August Zirner, der den Pfarrer Bernd spielt – eine Rolle, die er sich so hat nie vorstellen können.
Herr Zirner, in einer Talk-Runde zu diesem Film kam die Frage auf: „Darf man dem Thema Demenz überhaupt mit Humor begegnen?“ Und Ihre Antwort war „Ja, da gibt es keine Moral, sondern nur Respekt, Empathie und Liebe. Man darf alles, wenn man es aus Liebe tut.“ Das klingt genauso berührend und richtig wie vieles in dieser Geschichte. Es ist ein Film über einen demenzkranken Mann, der eines Tages vor der Tür seiner Ex-Frau steht, die aber einen neuen Partner hat. Aber ist es in allererster Linie nicht ein Liebesfilm?
Also, da waren Dagmar Manzel (Hanne), Harald Krassnitzer (Kurt), Welf Reinhart (Regisseur) und ich schnell konform, noch bevor wir überhaupt mit dem Dreh angefangen haben, Wir hatten eine gemeinsame Leseprobe und wir vier waren uns einig, dass es eigentlich ein Liebesfilm ist, weil es geht ja um dieses seltsame Dreieck. Es gibt dieses berühmte Lied von Crosby Still Nash & Young: „I don’t really see, why can’t we go on as three”. Aber im wahren Leben scheitert es meistens.
Man denkt nicht immer sofort über einen Filmtitel nach, aber wenn man diesen Film gesehen hat, finde ich „Der verlorene Mann“ umso treffender. Was ist das Verlorene an der erzählten Geschichte anhand der Figur des demenzkranken Kurt? Hat er nicht auch seine Heimat verloren?
Das Verlorene ist vielleicht auch ein Synonym für „gescheitert“. Eigentlich sind alle drei Menschen dieser Geschichte die Verlorenen. Der heimgekehrte Mann nach zwanzig Jahren, der sich nicht erinnert, dass die Scheidung schon längst gewesen ist. Die Frau, die aus Liebe den Partner integrieren möchte und großzügig versucht, das Herz und die Arme nicht nur für ihn, sondern auch für ihren neuen Mann aufzumachen. Und letztlich daran scheitert. Also, verloren sind sie am Ende alle drei.
Es ist der Debütfilm des Regisseurs Welf Reinhart. Wie kam dieser Film eigentlich zu Ihnen?
Welf war bei einem Konzert von mir in München, danach kam er auf mich zu und sagte: „Ich bereite einen relativ aufwendigen Film vor, darf ich Ihnen das Drehbuch dazu geben?“ Ich habe es gelesen, war angenehm überrascht und bei unserem nächsten Treffen fragte ich ihn dann: „Wie kommst du als so ein junger Mensch dazu, über alte Menschen zu schreiben?“ Also nicht nur über das Thema Demenz, sondern auch über das Scheitern einer Liebe, über eine Dreiecksliebesgeschichte. Wir haben uns unterhalten und innerhalb von fünf Minuten war mir klar, mit ihm werde ich diesen Film auf jeden Fall machen.
Gab es eine Szene im Buch, vor der Sie großen Respekt hatten, wo Sie gesagt haben, das wird schwer für mich?
Nein, es war eigentlich das Ganze, mich hat das Thema fasziniert. Welf hat etwas sehr Schönes gesagt und das zeichnet ihn als angehenden Regisseur auch aus, schon in der Vorbereitung: „Es kann sein, dass der Bernd im Laufe des Films ein bisschen von seinem Glauben abfällt.“ Das war eine wirklich sehr gute Regieanweisung, denn das hat mich den ganzen Film über begleitet und schon im Vorfeld auf die Rolle einsteigen lassen. Und Vorbereitung ist das alles Entscheidende beim Theaterspielen oder auch beim Filmen. Ich habe über diese Suche und den Verlust des Glaubens gemerkt: Bernd, der neue Mann an der Seite von Hanne, verliert die Liebe. Er verliert den Glauben, er verliert langsam aber stetig etwas. Und dies als dramaturgischen Leitfaden zu haben war ein Geschenk. Also insofern hatte ich keine Angst oder keine Sorge vor den Szenen, sondern die sehr anspruchsvolle Aufgabe, einen langsam vom Glauben abfallen evangelischen Pfarrer zu spielen, der Liebhaber und Ehemann zugleich ist und auch noch ein Freund sein will – das fand ich ziemlich spannend.
In der Schlussszene des Filmes sind Anne und Bernd bei einer Ausstellungseröffnung, allerdings dann schon ohne Kurt. Was würden Sie sagen, wie würde das Leben der beiden ab diesem Moment weitergehen?
Ich glaube, dass viel Entscheidendere ist: Was würde der Zuschauer sagen, wie es weitergeht? Ich finde die Ambivalenz dieser letzten Einstellung raffiniert. Das war auch ein Auseinandersetzungspunkt zwischen Welf und mir. Wir haben über diesen Schluss viel diskutiert im Vorfeld, und dass es so endete, das hätte ich selbst ich nicht gedacht. Ich meinte zu ihm: „Da fehlt doch noch was!“ Und im Nachhinein wurde mir bewußt, das ist genau das, was ich liebe, nämlich wie es zu Ende geht oder wie man die Figuren wirklich fühlt. Das Interessante dabei ist, was beim Zuschauer übrig bleibt an Fragen – und genau das finde ich um ein Vielfaches spannender. Also, ich verweigere eine Antwort nicht aus Unlust, sondern aus taktischem Kalkül (lacht).
Und es geht mir auch so, also dieser wunderbare letzte Moment, in dem man darüber nachdenkt, was passiert jetzt eigentlich mit ihnen? Man macht so sich seine Gedanken – und etwas Besseres kann es eigentlich gar nicht geben.
Ja, ich hätte auch Sehnsüchte zum Ausdruck bringen können oder sagen: „Es wäre doch schön, wenn es so oder so ausgehen würde!“ Wir wissen es ja alle nicht und wir wissen es im eigenen, wahren Leben auch nicht. Man steht dann plötzlich vor einer alles entscheidenden Frage und sagt: „Ach so, diese Frage habe ich jetzt gar nicht so erwartet. Wie geht es denn jetzt weiter?“ Ich meine, das passiert einem im Laufe des Jahres sicher 365 Mal. Einmal am Tag, mindestens. Denke ich jedenfalls.
Welch ein schönes Schlusswort! Ganz herzlichen Dank, lieber August Zirner, für diesen Film und für das Gespräch.
Aufgezeichnet von Ralf Hermersdorfer
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