Leonie Benesch

Die Hamburgerin Leonie Benesch gilt als eines der größten Talente der deutschen Kinoszene. Bereits schon zwei Mal gewann sie den Deutschen Filmpreis, für ihre Rollen in „Lehrerzimmer“ und „September 5“. Die vielseitige Schauspielerin präsentiert in diesem Jahr bei FILM OHNE GRENZEN einen Streifen, der sie selbst an die Grenzen der Belastbarkeit gebracht hat. In „Heldin“ spielt sie eine Pflegerin, im Schichtsystem in einem Krankenhaus.

Von Ralf Hermersdorfer

 

Leonie, mit diesem Film haben Sie sich auf ein ganz anderes, sehr emotionales Thema eingelassen, neben den intensiven Rollen, die sie vorher schon hatten. Was genau hat Sie an dieser Hauptrolle als Pflegekraft gereizt?

Was mich besonders gereizt hat, war tatsächlich die Genauigkeit des Drehbuchs. Petra Volpe, die Regisseurin und Drehbuchautorin, wusste sehr genau, welche Welt sie erzählen wollte. Alle Patienten und Patientinnen waren sehr klar und liebevoll gezeichnet. Die medizinischen Handlungsabfolgen waren ebenfalls sehr exakt beschrieben und ich wollte unbedingt die Dinge so lernen, als dass sie so aussehen, als würde ich seit 15 Jahren nichts anderes machen. Das ist eine großartige Herausforderung als Schauspielerin. Und dann ist dieser ein Film so eine Art Liebeserklärung, fast schon eine Hymne auf diesen Beruf. Und ein weiteres ausschlaggebendes Argument für mich war, dass Judith Kaufmann Kamera gemacht hat, welche ich sehr schätze. Mit ihr habe ich auch schon beim „Lehrerzimmer“ zusammengearbeitet.

Was einem auffällt, dass Sie den Pflegealltag realitätsgetreu darstellen, es hat schon fast eine dokumentarische Wirkung. Wie muss man sich die Vorbereitung auf solch eine sehr komplexe Rolle vorstellen?

Es grundsätzlich immer die Frage, welche Art eines Filmes man machen will. Und Petras Volpes Anliegen war von Anfang, eine Schicht im Krankenhaus so realitätsnah wie möglich zu erzählen. Und natürlich hat sie sehr genau den dramaturgischen Bogen gespannt. Welcher Patient ist wann dran? Wann kommt es zur Eskalation? Und da gehörte es für mich natürlich dazu zu lernen, wie Pflegefachkräfte sich bewegen, was für Handgriffe wichtig sind, mit welcher Selbstverständlichkeit sie sich bewegen. Es ist eine total bewegungsfokussierte Rolle, eine Figur, die nie still hält. Und auch die Kamera als unterstützendes Element hält ebenso nie still. Dieser Stationsgang sollte etwas haben von einer Eislaufbahn, auf der diese Figur hin und her wirbelt, aus den Zimmern raus und wieder hinein, ins Pflegezimmer und wieder zurück. Das alles hat vorab sehr viel Sinn für mich ergeben. Und als Vorbereitung habe ich in einem Krankenhaus bei Basel hospitiert und bin fünf Schichten mitgelaufen. Dabei habe ich mir genau angeschaut, wie sprechen die Pflegekräfte miteinander, wie sprechen sie mit unterschiedlichen Patienten und Patientinnen? Worin liegt der Fokus? Welche Handgriffe sind wichtig, wie sehen die genau aus? Denn alles ist Routine. Jeder kennt das von zu Hause, wenn man einfach weiß, wo im Dunklen der Lichtschalter ist. Genau das musste jeder Bewegung innewohnen, die ich in dem Film dann machte. Und das ging nur über Übung. Ich habe mir alles erklären und zeigen lassen, alles was ging. Ich durfte mir auch immer noch medizinisches Material in die Wohnung mitnehmen, in der ich in Zürich untergebracht war. Da habe ich dann jede Nacht sehr viele Schläuche zusammengesteckt und Medikamente gemischt und so diese Abfolgen geübt.

Die Dreharbeiten gingen über sechs Wochen, in einem Krankenhaus als ein in sich geschlossener Raum. Es gibt kaum Außenbilder, wo man vielleicht Stories auf eine zweite Ebene verlagern könnte. Der Fokus liegt konsequent auf Ihnen, auch das ist natürlich ein immenser Druck. Wie muss man sich dieses komprimierte Arbeiten auf solch einem Set vorstellen?

Wir hatten zwei Etagen, eine mit der Station und eine für Maske, Kostüm, Produktionsleitung und Fundus. Ich mag das sehr gern, wenn es nur ein Drehort ist, weil man einfach weiß, wo alles ist. Wir waren unglaublich gut organisiert und jeden Tag mindestens eine Stunde vor dem geplanten Drehschluss fertig. Das hat viel mit der exakten Vorbereitung aller Departments und auch der eigenen Disziplin zu tun. Ich finde es immer sehr angenehm, früher als geplant nach Hause zu gehen. Es gib in der Branche jede Menge Leute, die es toll finden, beim Filmdreh jede Menge Überstunden zu machen, aber damit nervt man alle am Set, weil jeder übermüdet ist und die Motivation immer weiter sinkt. Und das mit dem Druck, ich weiß gar nicht, ich finde so eine Hauptrolle zu spielen ist oftmals klar definiert, die Verantwortung lastet dann ganz anders auf einem. Das Schöne daran ist, dass man ganz anders Zeit und Raum hat, die Dinge auszuprobieren und in der Rolle aufzugehen. Ich finde, der Druck ist viel krasser, wenn man für eine Nebenrolle nur ein oder zwei Tage dabei ist, weil man sich viel schneller hineindenken muss. Was ist die Sprache, wie gestalten sich die anderen Rollen, was ist die eigentliche Welt, in welcher der Dreh stattfindet? Man hat nicht wirklich Zeit, die man bräuchte, um sich mit allem vertraut zu machen.

Es ist ein bekanntes Phänomen, dass die Pflegenden in den stationären Einrichtungen mit vielen unterschiedlichen Krankheitsbildern konfrontiert werden, wo sie von einer Sekunde auf die andere eine Entscheidung treffen müssen. Wie behält man da den fachlichen Überblick, um überhaupt professionelle Hilfe leisten zu können?

Das ist genau das, was ich total bewundere. Wir wollten mit dem Film die Komplexität zeigen, wie vielschichtig dieser Beruf ist und dass die Mitarbeiter alle medizinisch hochqualifiziert sind. Was uns allen nicht bewusst ist, dass die erste und auch die letzte Person in unserem Leben wahrscheinlich eine Pflegekraft ist. Und das sind Menschen, die emotional viel aushalten müssen, von Patienten und Patientinnen bis hin zu ihren Angehörigen. Und dann noch unter diesem Druck zu funktionieren und die richtigen Entscheidungen zu treffen. Die Pflegenden tragen wahrscheinlich mehr zur Heilung bei, als die Ärzte, weil sie einfach die ganze Zeit am Bett sind. Ärzte und Ärztinnen sind natürlich unabdingbar, aber die sind meistens nur einmal am Tag bei der Visite auf der Station, aber die Leute, die alles mitbekommen und die Personen und ihre Geschichte kennenlernen, das sind die Pflegenden. Und ja, das ist vergleichbar mit Hochleistungssport, man ist wirklich in jeder Hinsicht gefordert. Und zwar nicht nur physisch, sondern auch mental. Es ist ein toller Beruf, aber leider sind die Umstände extrem.

Gesamtgesellschaftlich betrachtet fehlen in den nächsten Jahren ungefähr eine Viertel Million Pflegende. Wie kann man potenzielle Bewerber überhaupt begeistern für so einen Beruf mit dieser negativen Attitüde?

Vor ein paar Jahren gab es in der Schweiz mal einen drohenden Pilotenmangel. Und was war die Konsequenz? Die Schweizer Regierung ist sofort eingesprungen, es gab riesige Gehaltserhöhungen, jede Menge anderer Anreize, es gab Fortbildungen und vieles mehr. Man hat einfach sofort Maßnahmen ergriffen. Petra Volpe und ich sind der Überzeugung, dass das auf der anderen Seite auch eine Frage von Sexismus ist, denn in der Pflege arbeiten nun mal 80 Prozent weibliche Angestellte, die Luftfahrt ist ein eher männlich geprägter Beruf. Es bleibt am Ende die Frage, worauf legt man das Augenmerk und was erachtet man für wertvoll? Und genau deshalb wollte Petra auch diesen Film drehen, um den Beruf wertzuschätzen und einem größeren Publikum nahezubringen, was Pflegenotstand faktisch bedeutet, denn das Wort geht einem so leicht über die Lippen. Aber was das tatsächlich bedeutet, wenn so viele Pflegefachkräfte fehlen werden? Die Gänge auf den Stationen werden leer sein, die Patienten werden sterben, weil sich niemand mehr um sie kümmern kann. Ich sehe keinen Grund, warum es unmöglich sein sollte, mehr Leute einzustellen. Die Pflege schlägt seit über zehn Jahren Alarm und es passiert gar nichts.

Das Festival Film ohne Grenzen steht dieses Jahr unter dem Motto „Alles Mensch“. Und gerade Ihr Film ist auch ein packendes Plädoyer dafür. Wie können wir die Gesellschaft für mehr Menschlichkeit auch in Zukunft begeistern?

Ich glaube, das ist eine Frage, die gerade einen Großteil der Welt beschäftigt. Die Problematik fängt bei jedem im Alltag an. Wie begegnet man einer Person? Ich muss zugeben, dass ich selbst schnell wütend werde, wenn mir Menschen respektlos gegenübertreten. Ich finde es schon faszinierend, dass wir uns so ein bisschen zurückentwickeln zum „Survival of the fittest“, Hauptsache man rettet sich erstmal selbst. Wir lassen dabei außer Acht, dass die Qualität, die uns Menschen evolutionär so weit gebracht hat, die ist, einander die Hand zu reichen und gemeinsam etwas zu stemmen. Ich weiß nicht, wie wir das wieder intensivieren können. Aber zum Beispiel würde ich mich riesig freuen, wenn wieder mehr Geld in Jugendzentren gesteckt würde und in Projekte, wo sich Kinder mit unterschiedlichen Hintergründen begegnen können. Ich glaube, es ist wichtig, dass wir nicht in unseren eigenen kleinen Blasen verschwinden und uns nur mit Gleichgesinnten umgeben. Sondern uns daran erinnern, dass Menschen unterschiedlich sind und gerade das für alle wertvoll sein kann.

Das Festival FILM OHNE GRENZEN vergibt jährlich das Wolfgang-Kohlhaase-Stipendium für junge Filmschaffende. Sie selbst haben es in relativ kürzester Zeit geschafft, eine glänzende Karriere hinzulegen. Haben Sie vielleicht ein, zwei Tipps für junge Berufseinsteiger, worauf man achten sollte oder was Sie im Nachhinein als zwingend nützlich empfunden haben?

Meine erste Filmerfahrung habe ich mit 14 Jahren gemacht, den ersten richtigen Film mit 17. Jetzt bin ich 34, das ist schon die Hälfte meines Lebens. Das klingt jetzt zwar alles gerade sehr glanzvoll und glamourös, aber man hört eben von Schauspielern nur, wenn es gerade richtig gut läuft. Und es gab zähe Jahre, wo es auch für mich wirklich schwierig war. Und darauf kann einen niemand vorbereiten. Mein Tipp wäre tatsächlich, versucht die Lebenskosten so niedrig wie möglich zu halten, damit man so wenig nebenbei arbeiten muss wie möglich. Wenn einen so ein Zweitjob richtig verschlingt, weil man irgendwie die Miete bezahlen muss, dann hat man den Kopf nicht mehr frei, um in seinem Traumberuf voranzukommen. Aber ich weiß aus eigener Erfahrung, das ist leichter gesagt als getan. Ein weiterer Aspekt wäre Leute zu finden, die ähnlich wie du ticken. Ich habe meine jetzige Agentin schon mit 19 Jahren kennengelernt, seitdem arbeiten wir wie ein eingeschweißtes Team zusammen. Ich kann mir ein Leben in dieser Branche ohne sie nicht wirklich vorstellen, weil wir ähnlich denken und wir gemeinsam diesen Weg auch weiter beschreiten wollen, denn der ist auf keinen Fall einfach. Also zusammengefasst geht es aus meiner Sicht eigentlich nur um diese Punkte: Lebenskosten niedrig halten, ein gutes Team aufbauen und Gleichgesinnte finden. In der Branche gibt so viele Dinge, die einen verrückt machen, die unfair sind, die finanziell dumm sind und die einem Angst machen. Aber man sollte sich die Dinge raussuchen, die einen selbst inspirieren, die man schön findet. Und sich immer wieder daran erinnern, weshalb man dabei ist und was die Dinge sind, die einem Hoffnung für die Zukunft machen. Das finde ich wahnsinnig wichtig.

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