Die gemeinnützige Hertie-Stiftung unterstützt bereits im zweiten Jahr das Festival FILM OHNE GRENZEN. Elisabeth Niejahr leitet dort den Bereich „Demokratie stärken“. Ein Gespräch über politische Bildung, die Heranführung von Jugendlichen an demokratische Prozesse im Alltag und die Herausforderung, sich aus seiner eigenen Komfortzone heraus zu bewegen.
Von Ralf Hermersdorfer
Frau Niejahr, können Sie uns kurz einen Überblick über Ihren Aufgabenbereich geben und was Ihnen dabei perspektivisch besonders am Herzen liegt?
Die Hertie Stiftung fördert zum Beispiel ein großes Programm wie „Jugend debattiert“, bei dem jedes Jahr 200.000 Jugendliche, Schüler und Azubis in über 100 Kommunen mitmachen. Für uns ist die Stärkung der jungen Generationen, um ihre Interessen sichtbar zu machen und sie möglichst viel auch politisch mitentscheiden zu lassen, ein großes Anliegen. Wir haben auch eine große, junge und politikaffine Community von Menschen, die zum Beispiel in der „START-Stiftung“ gefördert werden, weil sie Schüler mit Migrationsgeschichte waren, weil sie bei Jugend debattiert mitgemacht haben oder selbst an der „Hertie School“ waren, die inzwischen ungefähr 3.000 Alumni in ganz Deutschland hat. Einige unserer ehemaligen geförderten Jugendlichen sitzen mittlerweile im Bundestag, in den Ministerien, in wichtigen Jobs in der Wirtschaft. Wir haben also wirklich eine große politikaffine und junge Community. Und das ist eigentlich unser größter Schatz, dass wir mit so vielen jüngeren Leuten arbeiten, die sich für die Demokratie engagieren. Und wir als Stiftung fühlen uns auch verpflichtet, deren Interessen und deren Themen immer wieder sichtbar zu machen.
Im Rahmen des Jugendprogramms zeigt FILM OHNE GRENZEN den Kurzfilm „Jugendwahl“ aus der Europaschule Storkow, die parallel zur Bundestagswahl im Februar 2025 an der landesweiten Juniorwahl teilnahm, bei der Schüler erste eigene Erfahrungen mit demokratischen Wahlen machen konnten. Wie wichtig ist es aus Ihrer Sicht, demokratische Prozesse so früh wie möglich an die Jugend heranzutragen?
Ich glaube, man kann gar nicht früh genug anfangen, Kinder und Jugendliche für die Demokratie zu engagieren und zu begeistern. Die Juniorwahl ist da ein gutes Beispiel. Wir fördern auch zum Beispiel Projekte, die gezielt Erstwähler ansprechen. Aber ich finde persönlich, man kann auch schon in der Grundschule oder sogar in der Kita anfangen. Zum Glück ist in Deutschland sehr viel auch beim Thema frühkindliche Bildung passiert. Manche Leute können sich das nicht so richtig vorstellen, aber tatsächlich kann man ja auch mit drei oder vier Jahren schon darüber abstimmen, ob eine Gruppe „Zebra“ oder „Nilpferd“ heißt oder ob eine Wand rot oder grün bemalt werden sollte. Ich glaube, da müssen wir alle zusammen kreativer sein, dass wir lernen abzustimmen, dass man sich nicht immer durchsetzen kann mit seiner politischen Minderheit. Also Frustrationstoleranz ist ein wichtiges Thema in der Demokratie. Und ich glaube, wir brauchen Angebote für alle Altersgruppen, aber eben ganz besonders für junge Menschen.
In wie weit spielt dabei auch der zentrale Aspekt Bildung eine Rolle?
Demokratie kann man lernen und kann man vor allem auch üben. Ich glaube, gute Demokratiebildung oder politische Bildung sollte auch das politische System zu erklären. Also, wie wird zum Beispiel der Bundespräsident gewählt und ähnliche Prozesse. Aber genauso wichtig ist, wirklich zu handeln und direkt im Schulalltag zu integrieren, dass junge Menschen Entscheidungen fällen, dass sie vielleicht an Budgets in der Schule beteiligt werden, dass sie eine wirkungsvolle Schülervertretung haben. So arbeiten wir auch bei „Jugend debattiert“. Wir bemerken, dass die Jugendlichen, wenn sie immer wieder debattieren, langsam besser werden, mehr Selbstvertrauen bekommen. Und im Idealfall sind es wirklich Biografie, prägende Erfahrungen und Selbstwirksamkeitserfahrungen, die man macht, wenn man in jungem Alter lernt, dass man in einer Kommune oder in der Schule mitbestimmen kann. Ich war ja lange politische Journalistin in Berlin und habe viele Politiker kennengelernt und bis hin zum Bundespräsidenten haben sie immer wieder betont, dass sie oft auch so angefangen haben. Frank-Walter Steinmeier hat mal selbst über einen Jugendklub abgestimmt. Andere haben in der Kommunalpolitik durchgesetzt, dass ein Bus spät abends noch irgendwohin fährt, damit die Jugendlichen auch ins Kino gehen können. Und oft sind es solche frühen Erfahrungen von politischer Wirksamkeit, die Menschen dann auch später für politische Mandate begeistern. Und das finde ich unheimlich wichtig, denn wir haben gerade auf kommunaler Ebene einen großen Mangel an Mandatsträgern, und da muss eindeutig mehr passieren.
Der Film „Mit der Faust in die Welt schlagen“, welcher dieses Jahr bei FILM OHNE GRENZEN läuft, bietet einen tiefen Einblick in die Lebensrealitäten junger Menschen in Ostdeutschland und regt zur Reflexion über gesellschaftliche Probleme an. Kann dieser Film mit seinem sensiblen Blick auf die Dinge etwas bewegen?
Ich glaube, dass Filme wie „Mit der Faust in die Welt schlagen“ unheimlich wichtig sind, weil wir in einer alternden Gesellschaft leben, in der meine Generation, die Babyboomer, in der Mehrheit sind, denn wir konnten uns noch Mehrheiten herbeiwählen, weil wir so viele waren. Die jüngeren Leute sind einfach zahlentechnisch weniger. Sie sind den großen Themen wie Klimawandel, unsichere Weltlage und anderen Themen ausgesetzt. Das ist eine kleine, verunsicherte Generation. Und wenn sich die Älteren nicht Mühe geben, die zu gewinnen und ihre Anliegen sichtbar zu machen, kann ich auch verstehen, dass sie frustriert sind und sich auch teilweise von politischen Entscheidungsträgern abwenden. Und ich glaube, das verstehen die Älteren nicht immer, weil die sich anders durchsetzen konnten in der Politik. Ich glaube, wir haben eine große Verantwortung und es ist mir auch persönlich ein Anliegen, weil ich eine 19-jährige Tochter habe. Wir haben einfach ganz andere Krisenerfahrungen, ich bin aufgewachsen mit dem „Club of Rome“, der Angst vor einem Dritten Weltkrieg und diversen anderen Szenarien. Und am Ende haben wir sehr lange in Freiheit und Wohlstand gelebt. Ich denke, die junge Generation ist in vieler Weise sehr verunsichert. Sie ist durch Corona sozialisiert, sie hat erlebt, dass die Welt über Nacht eine ganz eigene, andere sein kann. Sie hat oft Eltern, die ihnen auch nicht versprechen können, dass es ihnen unbedingt besser gehen wird. Und deswegen sind wir alle wirklich dringend aufgefordert, uns um die Jüngeren zu kümmern.
Das Festival steht dieses Jahr unter dem Motto „Alles Mensch!“. Was glauben Sie, wie können wir mehr Menschlichkeit im Umgang miteinander erreichen? Was wäre aus Ihrer persönlichen Sicht der Schlüssel zum Erfolg?
Ich finde dieses Motto „Alles Mensch!“ ganz toll. Ich muss dabei an die Holocaust-Überlebende Margot Friedländer denken, die noch letztes Jahr bei Ihnen als Ehrengast zum Festival war. Die sich gar nicht parteipolitisch festgelegt hat, wenn sie irgendwo aufgetreten ist, aber immer für Menschlichkeit geworben hat und damit ganz viele Leute bewegt und auch gewonnen hat. Und ich muss an Thomas Mann denken, dessen 150. Jahrestag gerade überall im Land begangen worden ist. Er hat während des Zweiten Weltkriegs für einen radikalen Humanismus geworben. Das fand ich sehr schön, weil Humanismus auch so unverbindlich klingt. Und man denkt vielleicht an ein humanistisches Gymnasium, aber das mit dem Wort „radikal“ zu verbinden und zu sagen, wir sind wirklich entschieden menschlich und zwar über Parteigrenzen hinweg. Und wir halten die Menschenrechte, die Würde des Einzelnen, auch eine Geisteshaltung von Mitmenschlichkeit, Verantwortung und Fürsorge hoch. Das ist in diesen Zeiten ein sehr gutes Motto, das auch breit anschlussfähig ist. Und das ist auch bei der Demokratiearbeit wichtig, dass wir da nicht spalten, sondern Menschen zusammenführen.
Was ist bei dem Thema Demokratie die wichtigste Aufgabe für die Zukunft? Was müssen wir dringend angehen?
Ich glaube, für die Zukunft der Demokratie ist es am wichtigsten, etwas gegen die Gleichgültigkeit der Mitte zu tun. Es reicht nicht, wenn Minderheiten, die tolle Programme haben und engagiert sind, unterstützt werden. Natürlich ist das wichtig, das machen wir auch als Stiftung. Aber mich treibt um, wie man die vielen Menschen erreicht, die nach der Correctiv-Recherche auf die Straße gegangen sind. Das waren Hunderttausende Menschen in ganz Deutschland, denen die Demokratie ein Anliegen ist, die sich aus ihrer Komfortzone herausbewegt haben und die ansprechbar sind. Und mich treibt die Frage um, wie man all die erreichen kann, am Thema dran zu bleiben. Da gibt es unterschiedlichste gute und legitime Formen, sich zu engagieren, aber entscheidend ist vielleicht nicht nur, was man macht, sondern dass man überhaupt etwas macht. Das kann auch Zivilcourage im Alltag sein, das kann sich in der Erziehung der eigenen Kinder niederschlagen, in der Schule, als Lehrer. Jeder an seinem Ort, wo er ist. Und ich wünsche mir, dass dieser Spirit noch ein bisschen überlebt.
© FILM OHNE GRENZEN e.V., 2025
Veröffentlichung, Verbreitung und Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung von Film ohne Grenzen e.V.
Foto: Anatol Kotte
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