Ludwig blochberger

Millionen TV-Zuschauer kennen ihn vor allem durch seine Rolle als ehemaliger Kommissar in der Serie “Der Alte”, er spielte aber auch schon Wernher von Braun, Bundeskanzler Helmut Schmidt und den Papst. Der vielseitige Schauspieler Ludwig Blochberger kommt dieses Jahr zum Festival FILM OHNE GRENZEN, aber nicht mit einer Filmpremiere, sondern mit seinem Herzensprojekt, einer Konzertlesung über Neil Young.

Von Ralf Hermersdorfer

 

Ludwig, du bist gerade von einer internationalen Filmproduktion zurück. Was kannst du uns darüber erzählen?

Mein aktuelles Projekt ist eine französische Produktion namens „Kabul“, die ich gerade drei Monate lang in Griechenland gedreht habe. Die Serie thematisiert den chaotischen Abzug der internationalen Truppen aus Afghanistan im August 2021, im Fokus stehen dabei die letzten Tage vor dem Rückzug. Die Storyline folgt einer afghanischen Familie, die Mutter ist Staatsanwältin und steht auf der Todesliste der Taliban. Alles dreht sich auf verschiedenen Erzählebenen um die verzweifelten Versuche von Menschen, die aus Kabul fliehen wollen, während die Taliban innerhalb von ein paar Tagen bis in die Hauptstadt vorrücken. In sechs Folgen wird erzählt, wie unter anderen wir als deutsche Spezialeinheit versuchen, einen afghanischen General aus den Fängen der Taliban zu befreien, welcher uns einst selbst aus einer brenzligen Situation geholfen hat. Regie führten hierbei die wunderbaren polnischen Regisseurinnen Olga Chajdas und Kasia Adamik. Mit Olga habe ich bereits letztes Jahr in Auschwitz in der Rolle des Lagerkommandanten Rudolf Höß zusammengearbeitet.

 

Wie bereitet man sich auf solch eine Rolle vor?

Es war spannend und herausfordernd zugleich, sich mit dieser Thematik auseinanderzusetzen. Ich musste tiefgründig recherchieren und verstehen, was in Afghanistan damals passiert ist und welche unmittelbaren Auswirkungen das auf die Menschen vor Ort hatte. Vor Beginn der Dreharbeiten hatten wir außerdem ein militärisches Bootcamp sowie Stuntproben. Obwohl ich einen Deutschen spiele, wurde alles komplett auf Englisch gedreht – außer die afghanischen Rollen, die in Dari gesprochen wurden. Am Set erzählte mir ein Kollege, der eine der afghanischen Rollen spielte, in einer Drehpause die unglaubliche Geschichte seiner Flucht. Solche persönlichen Erzählungen bringen eine ganz andere Tiefe in das Projekt und machen deutlich, dass es nicht nur fiktiv ist – diese Geschichten sind real.

 

Wenn du deine Erfahrungen in internationalen Produktionen mit der deutschen Filmindustrie vergleichst, wo siehst du signifikante Unterschiede? 

Deutschland besitzt weltweit einen guten Ruf für qualitativ hochwertige Filme und hat viele namhafte Regisseure hervorgebracht. Dennoch gibt es zahlreiche Herausforderungen, die die deutsche Filmindustrie im weltweiten Vergleich belasten. Ein ausschlaggebender Punkt ist die Finanzierung. Oft entscheiden sich Produzenten aus monetären Gründen dafür, in anderen Ländern zu drehen – aktuell viel in Polen, Tschechien oder eben in Griechenland – weil die Filme dort finanziell günstiger zu produzieren sind. Bei uns sind im Gegensatz dazu die Kosten exorbitant gestiegen, was dazu führt, dass die großen Studios mittlerweile eher einen Bogen um Deutschland machen. 

 

Die Quantität deutscher Produktionen auf Streamingdiensten ist im internationalen Vergleich überschaubar. Was denkst du, sind die Gründe dafür?

Die Konkurrenz ist enorm gewachsen – nicht nur innerhalb Deutschlands, sondern auch international. Hinzu kommt, dass sich weltweit eine enorme Blase gebildet hat; viele Projekte wurden produziert, ohne sicherzustellen, dass sie auch wirklich ein Publikum finden würden. Über die letzten Jahre haben die Streamingdienste offensiv versucht, auch den deutschen Markt zu erobern. „Dark“ war 2017 das erste deutsche Netflix Original und international wesentlich erfolgreicher als hierzulande. Der Nachfolger „1899“ war 2022 ähnlich erfolgreich, aber so groß angelegt und aufwendig produziert, dass Netflix wahrscheinlich aus Kostengründen eine Fortsetzung in Deutschland frühzeitig eingestellt hat. „Die Zweiflers“ wiederum, eine Dramedy über eine jüdisch-deutsche Familie, wurde von der ARD produziert und in Cannes mit dem Preis für die „Beste Serie“ ausgezeichnet, sodass eine Tochtergesellschaft des eigentlichen Konkurrenten ZDF den Weltvertrieb übernommen hat. Es zeigt sich also, dass Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Sendern möglich und auch notwendig sein sollte.

 

Wie beeinflusst diese Konkurrenz die Qualität und Vielfalt der deutschen Filmproduktionen?

Immer mehr Produktionen müssen versuchen, eine möglichst breite Zielgruppe anzusprechen. Das kann dazu führen, dass kreative Risiken vermieden werden und stattdessen bewährte Formate kopiert werden – oft Krimis oder ähnliche Genres. Ich habe das Gefühl, dass das deutsche Fernsehen ein gewisses „Patent“ auf Krimis gepachtet hat, aber das reale Feedback des Publikums zeigt oft eine Sehnsucht nach mehr Vielfalt in den Geschichten. Es gibt zahlreiche talentierte Filmemacher und Schauspieler in Deutschland, aber manchmal scheint es so, als ob wir uns selbst limitieren. Die von der Kritik hochgelobte Miniserie „Bonn“ bekam zum Beispiel keine zweite Staffel, da die Einschaltquoten nicht den Erwartungen entsprachen. Es liegt aber auch in der Verantwortung der Sender Platz für diese anspruchsvollen Produktionen zu schaffen. Nicht jeder Produktion kann ein Blockbuster ausgelegt für die große Masse sein. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk als auch die deutsche Filmförderung sollten daher losgelöst vom wirtschaftlichen Druck der Vermarktung sein. Stell Dir vor, am Theater würden nur noch Goethe oder Schiller gespielt und in der Oper Wagner? Es wäre wünschenswert, mehr Mut zu zeigen und innovative Geschichten zu erzählen – auch wenn das bedeutet, Risiken einzugehen. Die Branche sollte offener für neue Ideen sein und auch mal unkonventionelle Wege gehen. Nur so können wir uns im internationalen Wettbewerb behaupten und gleichzeitig das Publikum begeistern.

 

Kann man es so klar definieren, dass seitens der deutschen Filmindustrie das Publikum per se unterfordert wird?

Es ist tatsächlich so, dass die Zuschauer oft unterschätzt werden. Teilweise wird der Eindruck erweckt, dass man sich nur auf das Banale konzentriert, um den breiten Kinomarkt zu bedienen. Aber wenn man sich nur an den Zahlen orientiert, kann das dazu führen, dass die Qualität leidet. Heute müssen alle Einnahmequellen sofort erschlossen werden, was es für Independent-Produktionen und kleinere Projekte schwieriger macht. Ich bin mir sicher, dass viele interessante Projekte in Schubladen schlummern, aber nie das Licht der Welt erblicken, weil sie nicht den aktuellen Quotenregelungen oder dem Wunsch nach politischer Korrektheit entsprechen. Oft wird versucht, alle möglichen Themen – von Diversität bis hin zu sozialen Fragen – in eine Geschichte zu packen, was manchmal zu einer Überfrachtung führt. Das kann dazu führen, dass die Geschichten nicht mehr authentisch wirken und eher wie ein Versuch erscheinen, allen gerecht zu werden.

 

Du hast die Herausforderungen für junge Regisseure angesprochen. Wie siehst du die aktuelle Situation für neue Talente in der deutschen Filmbranche?

Die Situation für junge Regisseure ist komplex. Auf der einen Seite gibt es viele talentierte Filmemacherinnen und Filmemacher, die frische Ideen mitbringen. Auf der anderen Seite werden sie oft schlecht bezahlt und haben Schwierigkeiten, ihre Projekte bei den wichtigen Entscheidern durchzusetzen. Es scheint fast so, als ob die ältere Generation von Filmemachern ausgedient hat und die jüngeren Talente unter Druck stehen, sich beweisen zu müssen – oft ohne angemessene Unterstützung. Dazu kommt noch, dass die Produktionsbedingungen nicht einfacher geworden sind; viele TV-Sender agieren vorsichtig und setzen auf bewährte Formate, statt auf innovative Ansätze. Das führt dazu, dass kreative Risiken vermieden werden und wir uns im Kreis drehen. Die Akzeptanz des Publikums sinkt möglicherweise auch aufgrund dieser stagnierenden Entwicklung.

 

Wie siehst du die Zukunft des Kinos in Konkurrenz zu diversen Streaming-Diensten?

Ich denke, dass das Kino weiterhin bestehen bleibt. Es ist etwas Besonderes, gemeinsam mit anderen Menschen einen Film im Kino zu erleben – das ist eine andere Art des Konsumierens, als einfach nur auf dem Sofa oder im Bett einen Film zu streamen. Die gemeinsame Erfahrung schafft eine besondere Atmosphäre und Aufmerksamkeit für den Moment. Die digitalen Medien habe es ermöglicht, Filme und Musik überall und zu jeder Zeit „on-demand“ verfügbar zu machen. Aber es ist ein Unterschied, im Konzert-/Theater- oder Kinosaal zu sitzen und dies mit anderen Menschen zu teilen. So ist es auch für mich bei meiner Bühnenarbeit, wenn ich beispielsweise in der Wiener Staatsoper vor zweieinhalbtausend Menschen spiele oder bei einer Lesung vor hundert Leuten, es ist live und es gibt kein Zurück. Das ist ein wahnsinniger Kick! 

 

Du kommst in diesem Jahr zum Festival „Film ohne Grenzen“ mit einer musikalischen Lesung. Was genau können sich die Zuschauer darunter vorstellen?

Es handelt sich um eine Kombination aus Lesung und Konzert, als Basis dient mir “Das Buch der von Neil Young Getöteten” von Navid Kermani. Das Buch erzählt die faszinierende Geschichte des Autors und verbindet seine persönlichen Erfahrungen mit der Musik von Neil Young. Obwohl es schon über zwanzig Jahre alt ist, ist es bis heute immer noch aktuell und relevant, denn es geht nicht nur um Neil Young selbst, sondern auch um universelle Themen des Lebens. Seine Musik nimmt einen zentralen Platz im Programm ein und ergänzt die Botschaften auf eine ganz besondere Weise. Sie schafft Emotionen und verstärkt die Botschaften der Geschichten. Es ist wichtig für mich, dass das Publikum sowohl die literarischen als auch die musikalischen Elemente genießen kann.

 

Kannst du uns kurz etwas über den Inhalt des Buches verraten?

Die Erzählung handelt von Kermani selbst, der versucht, seine kleine Tochter zu beruhigen, die unter Koliken leidet. Er entdeckt zufällig, dass die Musik von Neil Young eine heilende Wirkung hat und beginnt eine Reise der Entdeckung zwischen seiner Rolle als Vater und seiner Leidenschaft für Musik. Diese Verbindung zwischen persönlichen Erlebnissen und musikalischen Elementen macht die Geschichte besonders berührend.

 

Wie bist du eigentlich auf die Idee zu diesem Projekt gekommen?

Die Inspiration kam von meiner großen Bewunderung für Neil Youngs Musik. Schon in meiner Schulzeit hatte ich eine musikalische Vorprägung, die durch meinen Musiklehrer gefördert wurde. Später landete ich bei den Wiener Sängerknaben, dort habe ich zwar eine klassische Gesangsausbildung genossen, aber ich sehe mich primär als Schauspieler. Die Musik ist ein zusätzliches Element, das ich in meine künstlerische Arbeit einbringe. 

 

Neil Youngs Kompositionen sind bekannt für ihre Komplexität. Wie hast du eigentlich das Gitarre spielen erlernt?

Mit fünfzehn Jahren entdeckte ich Neil Youngs Musik durch eine Compilation, die mein Vater in seiner Sammlung hatte und war sofort davon fasziniert. Ich begann autodidaktisch zu lernen, unterstützt von einem Freund, der ebenfalls Gitarre spielte. Dabei lernte ich eher nach Gehör, also eher nach Akkorden als nach Noten. Und durch das Internet konnte ich mir viele Techniken selbst beibringen. Grundsätzlich muss ich sagen, dass es eigentlich weniger um Perfektion als um den Ausdruck und die Leidenschaft in der Musik geht. Man merkt oft gar nicht, wie viel Zeit man beim Üben und Improvisieren investiert, weil man einfach in der Musik aufgeht. Auch wenn ich sicher nicht auf dem gleichen Level wie Neil Young spiele, so spiegelt mein Spiel doch meine eigene Interpretation seiner Musik wider.

 

Was macht Neil Youngs Gitarrenspiel für dich so besonders?

Sein Stil ist einzigartig und unverwechselbar. Er schafft es, mit einfachen Mitteln – oft nur drei Akkorden – eine tiefgehende Atmosphäre zu erzeugen. Das zum Teil Unperfekte in seinem Spiel trägt zur Authentizität bei und lässt Raum für Emotionen. Aber was mich an Neil Young besonders fasziniert, sind seine Live-Versionen und epischen Stücke, die oft fünfzehn Minuten dauern. Diese, seine Passion für die Musik spürt man in jedem einzelnen Ton.

 

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Foto: Matthias Wehnert