Agnes Hausmann

Der Salzburger Regisseur Adrian Goiginger inszeniert mit seinem neuesten Film „Rickerl – Musik is höchstens a Hobby“ eine melancholische Komödie voller Musik, Leidenschaft und deftigem Wirtshausschmäh. Es ist eine liebenswerte, kleine Hymne an die Wiener Szene und an die vielen Facetten des Austro-Pop. Peter Hartwig, deutscher Produzent und Beiratsmitglied bei FILM OHNE GRENZEN, im Gespräch mit der österreichischen Hauptdarstellerin Agnes Hausmann.

 

Peter Hartwig: Vor ein paar Jahren war ich das erste Mal in Bad Saarow, weil mich Wolfgang Kohlhaase dorthin gelotst hatte und seitdem bin ich verliebt in dieses Festival, in diesen einmaligen Ort und darf das Programm mitgestalten, beraten und immer wieder Ideen mit einbringen, welche Filme auf ganz unprätentiöse Weise den Weg ins Programm finden. Und ich fand „Rickerl“ einen kongenialen Film für Bad Saarow, weil er für mich einer der wichtigsten Filme des Jahres ist. Agnes, du bist ja in Wien geboren, du hast dort am Konservatorium deine Ausbildung gemacht, dann zahlreiche Fernseh- und Kinofilme, warst außerdem am Theater in Klagenfurt und in Wien. Und jetzt spielst in einem der erfolgreichsten österreichischen Kinofilme der letzten Jahre. Er war allein siebenmal nominiert für den Österreichischen Filmpreis. Und ich finde ja auch Adrian Goiginger ein unfassbares Talent im Autoren- und Regiebereich im deutschsprachigen Raum. Wie seid ihr beide eigentlich zusammengekommen für dieses Projekt?

 

 

Agnes Hausmann: Also ich bin eigentlich auf einem ganz konventionellen Weg in das Projekt hineingeraten. Adrian hatte schon drei Jahre, bevor überhaupt das Casting war, mit Voodoo Jürgens an der Geschichte gearbeitet, um sie in ein Drehbuch zu verwandeln. Und ich denke an dem Punkt, wo die beiden die Geschichte final gefunden hatten, die sie erzählen wollten, die sich irgendwie stimmig anfühlte, war dann diese Figur der Vicky der nächste wichtige Puzzlestein, weil sie ja am Anfang des Films ein bisschen so als die Antagonistin etabliert wird. Und ich bin dann über meine Agentur und ein ganz normales Casting da reingekommen und habe mich natürlich total gefreut, dass es letztendlich geklappt hat.

 

Peter Hartwig: Ich finde, es ist so eine wunderbar erzählte Dreierkonstellation zwischen dir, Voodoo und eurem Kind Dominik. Und was mir ganz besonders gefallen hat, der Film ist auch eine ganz große Liebeserklärung an die Musik, an Wien und an die Kaffeehäuser. Aber es ist auch vor allem toll erzählt, wie deine Figur in Bezug auch auf die zurückliegende Beziehung zwischen euch beiden immer wieder in vielen kleinen Nuancen oder auch in sehr starken Momenten eine Rolle spielt. Habt ihr euch das erarbeitet oder war das von Anfang an auch so im Drehbuch schon eine feststehende Größe?

 

Agnes Hausmann: Ja, also ich freue mich immer, wenn das auffällt, denn das war für mich als Darstellerin irgendwie auch so die größte Herausforderung. Ich wünsche mir immer, dass das Publikum in dieser letzten Szene, wenn wir dann am Küchentisch sitzen und irgendwie ist es friedvoll und auch liebevoll, genau das auch spürt. Aber trotzdem ist es auch irgendwie ein Abschied. Und dass man weiß, die werden irgendwie gut füreinander. Aber das Leben ist halt manchmal nicht so. Wahrscheinlich sind sie auch in gewisser Weise überhaupt nicht gut füreinander, aber man bleibt mit dem Wunsch zurück, dass das auch schön gewesen wäre, wenn es geklappt hätte. Und eben diese Ambivalenz, welche du angesprochen hast, war für mich interessant zu spielen. Ja, die Eltern kommen quasi aus der gleichen Ecke von Wien, sie hat sich da aber schon raus gearbeitet, ist ihrem Alter vielleicht ein paar Schritte voraus, was diesen Wunsch angeht, sich auf die eigenen Beine zu stellen und sich selbstständig zu machen. Aber gleichzeitig ist das ihr zu Hause, etwas, was sicher immer noch mit ihr räsoniert oder sie in Schwingung bringt. Oder auch jede Menge Erinnerungen widerspiegelt.

 

Peter Hartwig: Und es gibt so für mich eine ganze Menge von unglaublichen Momenten und Szenen, wo ich so tief Luft holen muss vor, vor Sentimentalität, vor Rührung und auch vor Spaß. Seid ihr beim Arbeiten immer ganz fest am Drehbuch geblieben oder gab es da auch Momente, wo ihr gesagt habt, lass auch mal der Improvisation einen gewissen Raum? Für mich sah das so lebendig aus, dass ich mich mehrmals gefragt habe, da wurde auf jeden Fall improvisiert.

 

Agnes Hausmann: Wir wussten immer, der Adrian ist schon ein sehr guter Captain und er weiß auch immer ganz genau, was er sucht in der Szene und was er erzählen will. Aber er ist gleichzeitig sehr großzügig und hat immer eine große Einladung an uns ausgesprochen, dass wir uns einbringen können. Egal ob es jetzt um den Text, das Kostüm oder was auch immer ging. Und es gab einzelne Szenen, da war für Adrian ganz klar, das kann man nicht schreiben, weil sobald man das aufschreibt, dann klingt das nach Papier. Also, sagte er, wir sind jetzt sechs oder acht Personen an einem Tisch, das muss irgendwie ein freies Gespräch sein, also fangt einfach mal an! Und das Tolle an der Arbeit mit Adrian ist, dass er stets mit zwei Kameras filmt. Das heißt, man ist als Schauspieler oder Schauspielerin sozusagen immer im Bild, befindet sich stets in dieser Blase der Situation, weil beide Kameras die zwei Teilnehmer im Dialog aufnehmen und das beschützt die Situation, finde ich. Dazu kam noch, dass wir uns alle Kollegen und Kolleginnen schon vor den Drehtagen wirklich gut kennenlernen konnten und gemeinsam die Geschichten erarbeitet haben.

 

Peter Hartwig: Ja, ich finde das spürt man auch sehr, sehr gut in der ganzen filmischen Atmosphäre. Und da kommen wir auch auf so ein Thema, nämlich auf das sechsjährige Kind. Mit Ben Winkler hat Adrian einen tollen Darsteller gefunden, der auf ganz wunderbare Art und Weise das verkörpert und der alles versucht, um diese Beziehung seiner Eltern aufrechtzuerhalten. Wir wissen ja alle, dass das Arbeiten mit Kindern, was zum Beispiel die Drehzeiten betrifft, wunderbarerweise auch geschützt ist. Wie funktionierte das? Oder hat Adrian gleich ohne Probe gedreht, weil es ja vielleicht gar nicht so einfach ist für ein Kind?

 

Agnes Hausmann: Adrian hat irgendwie ein goldenes Händchen für seine Kinderdarsteller. Ich fand an Ben Winkler total faszinierend, dass er wahnsinnig viel Energie und Konzentrationsfähigkeit hatte. Er war quasi ein professioneller Schauspieler. Wir haben, wie du schon angesprochen hast, die Drehzeiten etwas kürzer gehalten und auf ganz viele Punkte geachtet, damit Ben eine gute Zeit am Set hat. Seine Mama Marion war auch immer dabei, aber das war richtig gut, weil sie für Ben einfach der Fels in der Brandung war. Und somit war für Ben irgendwie der Raum geschaffen, dass er ganz frei arbeiten konnte. Und Adrian ist super in der Kommunikation, kann einfach die Darsteller sehr einfühlsam dorthin führen, dass sie am Ende auch genau das bringen, was er was er sehen will. Und Ben war einfach immer gut vorbereitet. Er hat sich wirklich viel erarbeitet, das ganze Gitarrenspiel, das hat er extra für den Film gelernt und hat sich wirklich reingehängt und ist bis heute sehr verbunden mit dem Film. Also, wann auch immer er die Möglichkeit hat, ihn zu sehen, wenn wir zum Beispiel bei Festivals sind, dann guckt er sich den Film wieder von Anfang bis zum Ende an und ich glaube, er hat ihn jetzt schon fast zwanzig Mal angeschaut und mir gesagt, ja, weißt du, es ist halt mein Lieblingsfilm.

 

Peter Hartwig: Für mich ist das als Berlin-Brandenburger ganz fulminant zu erleben, wie die Sprachkultur des Wienerischen auf diesen Film abfärbt. Das war für mich total spannend. Der Film ist selbst in Österreich in manchen Regionen nur mit Untertiteln zu verstehen. Das fand ich ganz beeindruckend, welche Rolle der Dialekt in diesem Film übernimmt. Wäre der irgendwo in einer anderen Gegend so zu erzählen gewesen? Ich habe gelesen, dass auch Voodoo Jürgens wohl gesagt hat, wir müssen den in Wienerisch erzählen, ansonsten funktioniert der nicht.

 

Agnes Hausmann: Ich finde es schon mal bemerkenswert, dass ein Salzburger Regisseur einen Film über Wien dreht. Ich glaube, das ist auch ganz stark aus der Liebe zur Musik von Voodoo Jürgens entstanden, die hat Adrian viele Jahre lang begleitet und berührt. Ich denke, in erster Linie war klar, dass mit Voodoo gearbeitet werden soll und Voodoo funktioniert auch nur so, wie er in dem Film tatsächlich auch spielt. Nur hier in seiner Stadt und in seiner Sprache, denn das Wienerische ist seine Kunst. Wie er diese Sprache hochleben lässt und auch zum Ausdruck bringt, mit all ihrer Tiefe und ihrem Humor und ihrer Düsternis, das sind diese Attribute, die die eigentliche Schwingung in den Film hineinbringen. Es hat einerseits den Humor und die Leichtigkeit, aber auch viele dunkle Aspekte und auch etwas, was etwas abstoßend wirkt oder Reibung verursacht. Ich komme selbst aus dieser Stadt, deshalb bin da vielleicht auch ein bisserl betriebsblind dafür. Und ja, ich denke auch, er gehört nur nach Wien, der Film.

 

Peter Hartwig: Ich bedanke mich ganz herzlich bei dir, nicht nur für das Gespräch, sondern vor allem für diesen wunderbaren Film, für diese großartige warmherzige Geschichte.

 

Agnes Hausmann: Dankeschön, und ich hoffe, dass ich bald persönlich zu eurem Festival nach Bad Saarow kommen kann.

 

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