Im Rahmen des Jugendprojektes „Die Jury sind wir“ von FILM OHNE GRENZEN, dass sich in diesem Jahr dem Thema der demokratischen Teilhabe widmet, wurde der serbische Film „Lost Country“ ausgewählt. Erzählt wird die Geschichte eines Teenagers, der im Belgrad von 1996 zwischen den Fronten eines politischen Konflikts gerät und auf der Suche nach seiner eigenen Wahrheit ist. Radomir Lazović nahm damals aktiv an den Protesten in seiner Heimat teil, die die Gesellschaft Serbiens bis heute prägen. Der serbischer Politiker und Aktivist über die diktatorische Vereinnahmung eines Landes und das Gefühl, dass sich jeder für eine Veränderung der Zustände engagieren sollte.
Von Tamara Gajić
Die Jugendjury hat sich für eine politische Geschichte entschieden, die eine ganz persönliche Erfahrung von vor über zwanzig Jahren widerspiegelt. Welche Bedeutung sehen Sie in dieser Wahl?
Ich kann mir gut vorstellen, dass ein Film über Proteste etwas ist, das einem Hoffnung gibt. Ich selbst habe zum ersten Mal in meinem Leben an einem Protest zu Zeiten von Slobodan Milošević teilgenommen und es war wirklich in jeder Hinsicht eine schreckliche Situation, aber auch eine Zeit großer Hoffnung und Erwartungen. Jeder in Serbien wünschte sich Veränderungen. Wir befanden uns aufgrund der hegemonialen Bestrebungen von Milošević im Krieg, wo unzählige Menschen starben und unter der Hyperinflation litten. Und ich war wirklich froh, mit anderen an einem Strang ziehen zu können und Teil dieses gemeinsamen Kampfes zu sein. Das verschafft einem eine große persönliche Erfüllung, weil man das Gefühl hat, an etwas mitzuwirken, das viel größer und bedeutender ist als man selbst. Ich kann nur spekulieren, aber ich denke, dass die Idee der Hoffnung, die auf die Herausforderungen übertragbar ist, mit denen Menschen in ihrer eigenen Umgebung und sogar in Deutschland konfrontiert sind, eine zentrale Rolle bei der Auswahl der Jugendjury spielte. Ich glaube, dass die Zukunft diese Art von emotionalen Geschichten sein wird, die eine persönliche Motivation sind. Vielleicht war das auch schon immer der Fall. Es motiviert die Menschen tatsächlich, etwas zu tun, sich zu beteiligen, Interesse zu zeigen.
Sie waren damals 16 Jahre alt und selbst ein Jugendlicher. Wie könnten Sie die damalige Atmosphäre und die Protestkultur beschreiben?
Viele Zeitzeugen erzählen von einem Gefühl wie eine Art von Nebel, in dem man sich befand. Man konnte die Unterdrückung regelrecht sehen. Die Polizei war überall präsent, sie schlug Bürger und Studierende und führte bei Regimekritikern ständig „Razzien“ durch, um diese einzuschüchtern. Jeder, der gegen das Regime war, hatte Repressalien zu befürchten. Es war ein alltäglicher Kampf und das Leben war alles andere als normal. Die kriegerischen Auseinandersetzungen und der damit verbundene Zerfall Jugoslawiens sind für mich eine tragische Erinnerung, ich habe viele Freunde in der postjugoslawischen Region und empfinde tiefes Bedauern über das, was dort geschehen ist. Diese Kriege zählen zu den schlimmsten Ereignissen in dieser Region. Diese Themen waren omnipräsent und beeinflussten die allgemeine Stimmung. Und dann gab es diese Proteste, die eine friedliche und passive Konfrontation darstellten. Heute führe ich derartige Proteste selbst an und kann so aus einer anderen Perspektive darauf zurückblicken.
Hat diese Zeit Ihren politischen Werdegang beeinflusst?
Diese Erfahrungen haben mich sicherlich nachhaltig geprägt und begleiten mich in all meinen späteren Aktivitäten, sei es aktuell beim Kampf gegen die städtebauliche Zerstörung Belgrads, den Protest gegen Wahlbetrug oder die aktuellen Demonstrationen gegen den Lithiumabbau und die Umweltzerstörung. Dieses Gefühl, Teil von etwas zu sein, das viel größer und wichtiger ist als man selbst, ist zwar bei allen Protesten präsent, dennoch war es in den 1990ern am stärksten.
Wann begann Ihr aktives politisches Engagement in Serbien?
Es fing mit den von mir organisierten Protesten gegen die umstrittene Bebauung des Belgrader Hafengebiets „Belgrade Waterfront“ an. Für mich ist dieses Projekt bis heute ein Symbol für Korruption und mangelnde Transparenz, weshalb unsere Proteste ein Weckruf waren, der den verrotteten Zustand unserer politischen Landschaft offenbarte. Während wir auf die Straße gingen, berichteten die Medien oft über Konflikte und warnten vor möglichen Angriffen auf uns. Es gab Drohungen von Verhaftungen und die Behörden versuchten, uns mit falschen Anschuldigungen zu diskreditieren – sie behaupteten, wir würden das Land verraten oder im Auftrag ausländischer Mächte handeln. Ich wollte etwas verändern und wurde Teil einer Bewegung von Menschen, die sich leidenschaftlich für eine gerechtere Stadtentwicklung und alternative Ideen einsetzten. Diese Erfahrungen führten schließlich zur Gründung unserer Partei Zeleno Levi Front (ZLF), die ich heute vertrete.
Das Wording von „Landesverrätern“ in Bezug auf politische Oppositionelle erinnert stark an die Zeit Miloševićs, als diese Form der Denunziation systematisch eingesetzt wurde. Das klingt, als hätte sich nicht viel geändert seit seinem Sturz am 5. Oktober 2000.
Es ist in der Tat alarmierend zu sehen, wie ähnliche Rhetoriken aus der Zeit Miloševićs wieder aufleben. Einige würden argumentieren, dass sich seit seinem Umsturz nichts verändert habe, doch ich bin da etwas zwiegespalten. Meiner Meinung nach hat sich vieles gewandelt, auch wenn man die heutige Situation nicht direkt mit der damaligen vergleichen kann, zumal wir gegenwärtig keinen Krieg führen. Allerdings gibt es doch signifikante Unterschiede in der Art und Weise, wie Macht heute ausgeübt wird. Während Milošević zwar autoritär war, hatte er nicht das Bedürfnis oder die Möglichkeit, bis ins kleinste Detail des Lebens seiner Bürger einzugreifen. Heute hingegen sehen wir eine viel subtilere Form der Unterdrückung durch moderne Technologien und ein weitreichendes klientilistisches System. Die gegenwärtige Regierung nutzt diese Mechanismen nicht nur zur Aufrechterhaltung ihrer Machtposition, sondern auch zur Schaffung eines Netzwerks von Loyalität und Abhängigkeit
Eine Strategie, die potenziell vielleicht noch gefährlicher ist als das offene autoritäre Regime vergangener Tage?
Die gegenwärtige Regierung unter Aleksandar Vučić hat eine schleichende Krake erschaffen, die bis in die tiefsten Winkel des Lebens der Menschen vordringt. Um die Dramatik dieser Entwicklung zu verdeutlichen, möchte ich dir ein Beispiel geben: Wenn du einen Arzttermin benötigst und die endlosen Warteschlangen umgehen möchtest, genügt ein einziger Anruf bei der Partei. Diese scheinbar banale Geste offenbart jedoch das Ausmaß der Korruption, das wie ein Schatten über unserem Alltag liegt.
Wenn selbst auf dieser Mikroebene solche Machenschaften stattfinden, kann man sich lebhaft vorstellen, wie tiefgreifend und verheerend die Korruption in anderen Bereichen ist.
Alles ist untrennbar mit der Regierungspartei verwoben. Wir sprechen hier nicht nur von einem korrumpierten Staat – wir erleben die schleichende Übernahme aller Institutionen. Es mag so erscheinen, als hätten wir Gerichte und Polizei, doch in Wirklichkeit sind diese Organe nichts weiter als Marionetten der Partei. Die Illusion von Recht und Ordnung wird aufrechterhalten, während im Hintergrund ein System der Kontrolle und Unterdrückung agiert, dass unsere Gesellschaft in seinen Würgegriff nimmt. Aus diesem Grund gefällt mir in diesem Zusammenhang der Filmtitel „Lost Country“. Denn es ist tatsächlich so, dass Serbien vom Parteiregime vereinnahmt wurde und für die Bürger in gewisser Form verloren ist.
In dem genannten Film steht ein Teenager im Konflikt mit seiner Mutter, die eine treue Milošević-Anhängerin ist und für die Regierung arbeitet, während er sich aktiv an den Protesten gegen das Regime beteiligt. Heutzutage offenbaren sich andere Herausforderungen, kein unwesentlicher Faktor ist die Manipulation durch die kontrollierten Medien, insbesondere wenn man bedenkt, dass der aktuelle Premier Propagandaminister jener dunklen Ära war. Inwiefern sind die heutigen Jugendlichen sich derartiger manipulativer Paradigmen und ihrer Auswirkungen auf ihr eigenes Leben bewusst?
In den letzten Jahren habe ich extrem engagierte Jugendliche erlebt, besonders im Hinblick auf ökologische Themen, wie die bereits aktuellen Proteste in Serbien zeigen. Es geht dabei zum Beispiel um ein multinationales Unternehmen namens Rio Tinto, das den Bau einer Lithiummine im Westen Serbiens plant, was massive Umweltgefahren birgt, zumal sich die Gefahr der Verschmutzung von Grundwasser und Boden auf andere Regionen ausbreiten könnte. Dieses Projekt ist höchst riskant und ohne vorherige Beispiele weltweit. Außerdem ist das Gebiet in Westserbien eine der am besten erhaltenen landwirtschaftlichen Regionen des Landes, während viele Dörfer in Serbien leerer werden. Die Mine würde diese Region erheblich schädigen. Dessen ist sich unsere Jugend bewusst und versteht die Bedeutung dieser Problematik, weshalb sie sich aktiv an den Protesten beteiligt. Sie sind bereit, für universelle Werte zu kämpfen – denn wer liebt nicht die Natur?
Das Motto unseres diesjährigen Festivals ist JETZT. Was sind Ihre Gedanken dazu und inwiefern könnte man das mit Ihrer Arbeit im serbischen Parlament verknüpfen?
Ich denke, das Wort Zukunft wird am häufigsten manipuliert, wenn man über Politik spricht. Denn es geht immer um Veränderung, darum, dass man in der Zukunft etwas erreichen will. Daher gefällt mir das Motto JETZT wirklich sehr gut und ich verbinde es in meinem Kontext mit der Idee, dass man jetzt eine Veränderung tatsächlich braucht und auch wirklich umsetzt.
Und wie sieht es denn JETZT mit Serbien aus? Es ist eine sehr pathetische Frage, aber sehen Sie Serbien – wie im der Filmtitel sagt – immer noch als ein „verlorenes Land“?
Bedauerlicherweise werden wir von Leuten regiert, die hochgradig korrupte Kriminelle sind. Das führt schließlich dazu, dass ein Großteil das Gefühl hat, ihre Heimat verloren zu haben, da jeglicher Bereich von der herrschenden Elite vereinnahmt wurde. Dennoch bin ich nicht der Meinung, dass wir verloren sind, sonst hätte ich weder Energie noch Motivation zu kämpfen. Der Filmtitel liefert eine starke Art von Illustration, aber wir sollten grundsätzlich optimistischer in die Zukunft blicken. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir es besser machen können, denn ich kenne die hier lebenden Menschen. Vielleicht mag das Land „verloren“ sein, aber ich glaube wirklich, dass die Menschen eine bessere Zukunft haben werden. Wir müssen nur härter daran arbeiten. Unser Ziel muss es sein, uns alle in diese Gesellschaft einzubringen und diese mit großer Anstrengung voranzutreiben. Wir müssen so viele Menschen wie möglich motivieren, sich zu beteiligen, wenn wir etwas verändern wollen. So wie damals, am 5. Oktober, als unsere Proteste zum Umsturz eines der schlimmsten Diktatoren jener Zeit führten.
copyright foto: Zeleno Levi Front
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