Wim Wenders

Der aktuelle Spielfilm von Star-Regisseur Wim Wenders ist eine tief berührende und poetische Betrachtung über die Schönheit der alltäglichen Welt und die Einzigartigkeit eines jeden Menschen. In „Perfect Days“ geht es um Hirayama, einem Toilettenreiniger in der Metropole Tokio. Scheinbar vollauf zufrieden mit seinem einfachen, zurückgezogenen Leben, widmet sich abseits seines äußerst strukturierten Alltags seiner Leidenschaft für Musik, die er auf Audiokassetten hört, und für Literatur, die er in gebrauchten Taschenbüchern liest. Durch eine Reihe unerwarteter Begegnungen kommt nach und nach eine Vergangenheit ans Licht, die er längst hinter sich gelassen hat.

Von Anna Faroqhi und Haim Peretz

 

Was war der ausschlaggebende Moment für diese außergewöhnliche Story?

Donata Wenders: Das Ganze hat begonnen mit der Frage an Wim, ob er einen Film über ganz besondere Toiletten-Häuser machen kann, das war so eine Art Ausschreibung. Der Initiator wollte, dass die Toiletten, die dort gebaut wurden von ganz besonderen Architekten – lauter kleine Juwelen im Shibuya-Viertel in Tokyo und durch die Corona-Zeit ein bisschen untergegangen – dass diese Kleinode gezeigt werden. Dann hat er sich an einen bekannten Menschen gewendet, der eigentlich mehr in der Werbung steckt (Co-Autor und -Produzent Takuma Takasaki, Anm. d. Red.) und der hat gesagt: „Ich weiß wen Ihr ansprechen müsst, Ihr müsst Wim Wenders ansprechen.“ Er war nämlich ein totaler Fan von Wim und wollte auch schon immer mal mit Wim arbeiten, und hat gesagt: „Das ist jetzt meine Chance.“ Und dann kam also diese Anfrage. Das sollten eigentlich lauter einzelne kleine Dokumentarfilmepisoden werden. Und dann hat Wim gesagt: „Jede Ausrede ist mir recht, um nach Tokyo zu kommen.“ Er hat sich die schönen Gebäude angeguckt und dann hat er gesagt: „Ist eigentlich schade. Wer guckt denn lauter einzelne kleine Filme über die Architektur an? Das verläuft sich in einer Kunst-Nische.“ Wir waren grad ein paar Tage in Tokyo und Wim war total fasziniert davon, wie die Menschen nach Corona miteinander umgehen und wie das Augenmerk auf das Miteinander und das Allgemeingut gelegt wurden. Also, kein Dreck in den Parks. Die waren alle so aufmerksam füreinander da, als Gesellschaft, wie wir das hier in Deutschland nicht erlebt hatten. Da hat Wim gesagt, er würde gerne eine Geschichte daraus machen. Und die Hauptfigur ist der, der die Toiletten sauber macht.

 

Herr Wenders, wie sind Sie beim Dreh vorgegangen? Als Dokumentarfilmer oder als Spielfilmregisseur?

Wim Wenders: Wir hatten so einen doppelten Approach. Wir hatten ja nicht viel Zeit. Wir wussten von Anfang an: wir haben einen Drehplan von 17 Tagen. Und da kann man natürlich nicht ewig viel machen. Außerdem gab es eine Sehnsucht, dass man den Tagesablauf dieses Mannes fast dokumentarisch begleiten würde. Dann habe ich mit dem Kameramann Franz Lustig gesprochen. Wir zwei haben ja schon ein paar Dokumentarfilme zusammen gemacht. Franz ist richtig gut mit einem Steadycam-Gerät das heißt „Easy Rigg“. Da hält der Kameramann die Kamera am Auge, aber über einen Galgen flexibel an einem Rucksack befestigt. Er muss das Gewicht also nicht mehr tragen. Damit kann er eigentlich ewig drehen. Franz hat einen Knopf im Ohr und ich rede leise mit ihm und Franz kann sekundenschnell reagieren und immer da sein wo ich mir wünschen würde, dass die Kamera wäre. Wir haben also sehr schnell und sehr leicht gedreht. Wir haben fast jede Einstellung nur einmal gemacht und dann auch die Szenen nicht unterbrochen. Wir haben aber trotzdem immer versucht, feste Einstellungen zu machen. Man merkt, die Kamera vibriert ein bisschen. Man spürt die Hand und das Auge dahinter, aber es ist kein Stativ. Der Franz ist ein lebendes Stativ. Diese Herangehensweise war deswegen möglich, weil unser Schauspieler Kōji Yakusho sich schnell darauf eingestellt hat. Er war dann auch selbst sehr stolz, dass er praktisch begleitet wurde von der Kamera und dass er auch mit allem – mit seiner Körpersprache, dem was er ist – eigentlich der Film war. Wir haben also einen fiktiven Film behandelt wie einen dokumentarischen Film. Und unser Schauspieler hat eine fiktive Rolle so intus gehabt, dass er uns das erlaubt hat. Das ist eine Sprache wie ich sie davor nie angewendet oder überhaupt erfunden hatte.

 

Donata Wenders: Wim hat ja stets abgewechselt zwischen Dokumentarfilm und Spielfilm. Aber aus produktionstechnischen Gründen durfte er die Spielfilme nie chronologisch drehen, weil das eben teurer ist. Wenn man einen Film chronologisch dreht, muss man öfters wieder zum selben Ort und muss damit rechnen, dass man Vieles wiederholen muss, auch das Einleuchten und so. Und so hat man halt gesagt, man dreht nicht chronologisch. Aber Wim, der ist eigentlich ein Künstler, das heißt er kann das eigentlich nicht so richtig gut: den Mittelteil oder das Ende schon am Anfang drehen. Da bist du in so einer Box drin und musst nur noch ausfüllen. Und genau das ist bei dem Film durch die Japanische Produktion möglich geworden, weil die haben gesagt: „Du drehst bitte so, wie Du drehen möchtest.“

Und das hat Wim seit 30 Jahren das erste Mal gehört.

 

Wie lief die Zusammenarbeit mit dem Hauptdarsteller Kōji Yakusho ab?

Donata Wenders: Kōji Yakusho kann kein Englisch, also vielleicht ein zwei Worte. Wir waren also auf Übersetzungen angewiesen. Das Drehbuch war auf Englisch geschrieben und dann auf Japanisch übersetzt worden. Kōji hat sich sehr intensiv vorbereitet. Er hat Toilettenputzen gelernt von einem bei der Stadt angestellten Toilettenputzer. Eigentlich ist man gewohnt, dass man probt und dann dreht. Und dann hat Wim beim ersten Mal gesagt: „Okay, wir drehen schon mal die Probe.“ Kōji fand das erstmal komisch, aber dann war Wim schon zufrieden. Und dadurch herrschte so eine Spannung zwischen Wim und dem Schauspieler. Sie klärten alles mit Blicken. Es herrschte eine hohe Konzentration. Und es war klar, Kōji macht, was er für die Rolle machen soll und Wim begleitet ihn dabei. Dadurch ist er so in seine Rolle reingekommen. Es gab praktisch keine – oder nicht viele – zweite Takes. So haben sie gedreht, wie bei einem Dokumentarfilm.

 

Wie kam es bei der Entwicklung der Figur des Toilettenreinigers Hirayama zu den vielen genauen Details, etwa dem Verbeugen unter einem Torbogen?

 Donata Wenders: Das ist ja ein Mensch, der sich entschieden hat zu einem einfachen Leben. Und dieses Leben ruft ja eigentlich sehr japanische Traditionen hervor. Viele japanische Menschen, die den Film gesehen haben sagten: „Ja, Ihr erinnert uns an das, was uns wichtig ist.“ Das war für Wim sehr wichtig, dass es so natürlich kommt, dass er sich nicht aus Pflicht verbeugt, wie eben in der Kirche oder so, sondern aus innerem Bedürfnis. Er verbeugt sich ja auch vor dem Leben. Sein Blick, wenn er aus der Tür geht und hochguckt, das ist eigentlich sein Ritual. An den schweren Tagen versteht man, dass es nicht so leichtfällt. Ich würde sagen, er ist ein Mensch, der zufrieden ist, im Frieden.

 

In dem Film werden dieselben Handlungen in Variationen wieder und wieder erzählt. Welche Überlegung stecken dahinter?

 Wim Wenders: Ein Film in dem eine Routine vorkommt, darf nicht langweilig werden und Routine kann auch nur schön sein, wenn jemand sie mit dem Anspruch macht, jeden Tag neu zu erleben.

Donata Wenders: Und mit dem Anspruch, die Routine wird zum Ritual.

Wim Wenders: Genau. Ein Ritual muss man so gut machen wie es geht. Das heißt, jedes Mal mit Inbrunst, und immer innerlich dabei sein. Das hat Kōji Yakusho so sehr begriffen, dass er wirklich die Maxime eines Schauspielers, alles so zu machen, als sei es das erste Mal, auch auf seinen Beruf übertragen hat. Wir konnten ihn behandeln, als wäre er wirklich ein Toilettenputzer, der an dieses Dogma glaubt, dass man nichts zweimal machen kann, sondern alles im Leben nur einmal macht.

 

Was werden eigentlich für Bücher in dem Film gelesen?

Wim Wenders: Takuma Takasaki und ich haben lange darüber diskutiert, was die Figur im Film lesen soll. Dann hat Takuma gesagt: „Du wählst das erste Buch und ich bekomme das Zweite.“ Da habe ich Wilde Palmen (von William Faulkner, Anm. d. Red.) genommen, einfach, weil das mein Lieblingsbuch ist. Und dann habe ich außerdem gedacht, das wird den Charakter schon interessieren, der Titel alleine, weil da ja ein Baum ist, Palmen sind ja auch Bäume. Als wir ein paar Szenen weiter waren, war Takuma dran mit seinem Buch. Er hat gesagt: „Dann nehme ich auch einen Baum. Es gibt ein schönes Buch von einer japanischen Autorin, die völlig unterbewertet ist, aber ganz toll, das heißt Bäume.“  Dann haben wir das Buch von der Aya Koda genommen. Und das Dritte war eigentlich eine Ausnahme. Das ist ein Buch, das seine Nichte aus dem Regal zieht, von Patricia Highsmith (Der Schneckenforscher. Elf Geschichten, Anm. d. Red.). Das fällt eher raus. Die anderen beiden sind Bücher, wo Bäume vorkommen. So einfach war das.

 

Wie wird die Vorgeschichte der Figur des Hirayama im Film sichtbar?

Wim Wenders: Der war ja nicht immer Toilettenputzer. Der hatte ja auch ein anderes Leben, was man schon so ein bisschen mitbekommt, wenn seine Nichte kommt und wenn seine Schwester kommt in ihrem Luxusauto kommt mit dem teuren Schokoladengeschenk aus einem Spezialhaus, wo es nur sehr teure Sachen gibt. Das weiß natürlich in Japan auch jeder, wenn sie die Tüte da hinhält.

Also, man ahnt, dass da ein ganz Leben war, auch ein Reichtum. Und man merkt, dass er da nicht zurückwill, dass er eine bewusste Entscheidung getroffen hat.

 

Verraten Sie uns die Vorgeschichte?

Wim Wenders: Er hatte alles, aber er war nicht zufrieden. Er hatte auch mit seiner Frau kein gutes Verhältnis mehr. Und wie viele Japaner hat er angefangen zu trinken. Er hat sein Leben gehasst, hat ein leeres Leben geführt. Und eines Tages ist er aufgewacht in einer Absteige, weil er vermutlich irgendwie Sex hatte am Abend davor, aber er weiß nicht mehr, wie er da hingekommen ist. Er wacht auf und ist eigentlich am Ende. Dann starrt er an die Wand vor sich, in diesem angeranzten Zimmer, und dann geschieht ein kleines Wunder. Durch das hohe Fenster im Raum scheint die aufgehende Morgensonne. Und ein Strahl dieser Morgensonne kommt durch irgendein kümmerliches Bäumchen, das vor dem Fenster steht, auf die Wand vor ihm. Und da erscheint ein Lichtspiel von Sonne und Blättern. So etwas hat er noch nie wahrgenommen. Das hat er vermutlich schon oft gesehen, aber er hat es nie wahrgenommen. Und in diesem Moment, an diesem Scheideweg in diesem Leben, ist das wie ein großes Zeichen für ihn. Und dann beschließt er, das ganze Leben, das er sowieso gerade aufgeben wollte, hinter sich zu lassen und ein anderes Leben zu führen, in dem er Aufmerksamkeit für Bäume, Sonne und Wind.

Jetzt lebt er mit dem Bewusstsein, dass er mit diesen Komorebi auf die richtige Spur gekommen ist. Komorebi ist das japanische Wort für dieses Lichtspiel aus Sonne, Wind und Blättern.

 

Frau Wenders, Sie haben die Träume konzipiert und gedreht. Was haben sie da bedacht und gemacht?

Donata Wenders: Also, meine Aufgabe war es, dieses Komorebi-Bewusstsein, das die ganze Zeit im Film wie eine Unterstimme, eine Basslinie, durchklingt, in Bilder zu setzen. Also habe ich zuerst im Drehbuch geguckt: „Was gab es an Tag Eins, an Tag Zwei, was erlebt er da?“ Ob das ein bewegter oder ruhiger Tag ist und wen er da trifft. Dann habe ich mir eine Liste gemacht. Und dann hat in dieser Zeit nur an vier Tagen die Sonne geschienen.

 

Wim Wenders: Das heißt, wir hatten zwölf Tage Regen.

Donata Wenders: Das war eine interessante Herausforderung, die mein Leben ein bisschen verändert hat. Ich habe gesehen, dass – auch wenn die Sonne verdeckt ist, also nicht scheint – es immer eine Art von Komorebi gibt. Auch, wenn es nicht die Sonne ist, die durch die Blätter scheint: Lichtspiele ergeben sich durch Materialien, Reflektionen oder Oberflächen. Das ist vielleicht eine modernere Art zu denken. Ich bin natürlich auch nachts unterwegs gewesen und habe Komorebis gesucht. Und habe dann gemerkt – also das auch übersetzt im Leben – das Licht ist immer da mit seinem wunderschönen Spiel. Ich muss es nur sehen lernen. Ich war im Team mit einer anderen Frau aus Europa, die fließend japanisch spricht. Wir sind einerseits auf der Jagd nach den Komorebi-Juwelen gewesen und andererseits waren wir dann auch an den Locations und haben gefilmt. Die Träume sollten eine kleine Andeutung sein, wie eine Nachverarbeitung der Tage. Ich habe das Material mit einer Cutterin geschnitten, mit der ich sonst auch arbeite. Wir haben für jeden Traum eine fertige kurze Sequenz geschnitten. Die haben Wim und sein Cutter Toni (Froschhammer, Anm. d. Red.) dann eingefügt. Also, ich hatte große Freiheit zu sagen. „So finde ich, muss dieser Traum aussehen.“ Das hat dann toll gepasst, finden wir. (Wim Wenders nickt.)

 

Vielen Dank für das Gespräch!

 

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