Nadeem Shehzad

Nadeem: Ich bin Nadeem Shehzad, Gründer von Wildlife Rescue, der Organisation, die der Film begleitet. Wir haben ein Rehabilitationszentrum für Greifvögel. Delhi hat eine große Population dieser Vögel, insbesondere von Schwarzmilanen. Greifvögel sind Raubvögel. Viele Raubvögel kommen zu uns. Das liegt zum Teil an der kulturellen Praxis, Papierdrachen fliegen zu lassen. Diese sind mit einem scharfen Faden verbunden, der mit pulverisiertem Glas beschichtet ist. So kann man die Drachenschnur anderer nicht durchschneiden. Wenn die Vögel in den Faden fliegen, erleiden sie unterschiedliche Grade von Verletzungen.

Indien hat viele Fleischverarbeitungsbetriebe – das Land ist einer der größten Exporteure von Fleisch weltweit. Die Nebenprodukte der Fleischverarbeitung werden auf offenen Mülldeponien abgeladen. Dort finden viele Aasfresservögel eine Nahrungsquelle finden. Das ist der Grund, warum wir eine so große Population von Schwarzmilanen haben.

Saud: Ich bin Saud. Ich bin einer der Mitbegründer von Wildlife Rescue. Ich kümmere mich um die Behandlung der Tiere, die Büroarbeit, die Organisation. So in etwa.

 

FoG: Wie hat die Arbeit an Wildlife Rescue begonnen?

Nadeem: Unser Engagement geht zurück auf die 1990er Jahre, als wir noch Schüler waren. Wir kamen an einem verletzten Schwarzmilan vorbei, der am Straßenrand lag. Wir brachten ihn in ein Vogelkrankenhaus, wohin wir auch Tauben brachten, wenn wir sie fanden. Zu unserer Überraschung weigerte das Personal sich, ihn zu behandeln. Sie sagten: „Dieser Vogel ist ein Fleischfresser. Wir können ihm kein Fleisch geben. Bitte nehmen Sie ihn mit.“ (Vegetarische Hindus vermeiden die Berührung mit Fleisch. Anm. der Red.)
Es gab niemanden, der bereit war, ihn aufzunehmen. Wir ließen den Vogel an derselben Stelle zurück, an der wir ihn morgens gefunden hatten. Im Laufe der Jahre sahen wir viele verletzte Greifvögel, aber wir wussten, dass es keinen Ort gab, wohin wir sie bringen konnten. Also ignorierten wir sie. Die Zeit verging. 2003 stießen wir auf einen weiteren verletzten Schwarzmilan auf einem Parkplatz. Wir hätten ihn fast ignoriert. Dann kam uns der Gedanke: „Warum nehmen wir ihn nicht mit nach Hause? Und wenn es kein Krankenhaus für sie gibt, rufen wir den Tierarzt, der ihn zu Hause behandelt.“
Nach ein paar Tagen fanden wir einen weiteren Vogel. Und nach ein paar weiteren Tagen noch einen. Auf unserem Dach bauten wir einen kleinen Käfig. Nachts wurden diese Vögel in den Käfig gesperrt, damit sie vor den Tieren der Nacht sicher waren. Tagsüber liefen sie auf dem Dach unseres Hauses herum. Als die Leute sahen, dass wir Milane auf unserem Dach haben, brachten sie uns Vögel, die sie selbst gefunden hatten.
Nach einiger Zeit erholten sich die Vögel und konnten wegfliegen. Das stärkte unser Vertrauen, dass wir sie heilen können.
Nach sieben Jahren, im Jahr 2010, haben wir uns als Organisation registriert.
Danach begannen wir, Vögel aus verschiedenen Krankenhäusern aufzunehmen. Wir sagten den Krankenhäusern, die keine Greifvögel aufnahmen, weil sie sie nicht behandeln konnten: „Ihr nehmt sie an, und wir holen sie ab.“
In den letzten 14 Jahren, seit 2010, haben wir etwa 30.000 Vögel aufgenommen, hauptsächlich Greifvögel. Wenn man nach den Zahlen geht, könnten wir das größte Raubvogelzentrum der Welt sein.
Wir erhalten jedes Jahr etwa 3.300 Greifvögel.

Saud: In diesem Jahr wird die Zahl vielleicht 4.000 erreichen. Bis jetzt, im August, haben wir bereits 3.000 Vögel behandelt.

 

FoG: Wie kam es zur Zusammenarbeit mit dem Filmemacher Shaunak Sen?

Nadeem: Er erfuhr von uns an der Universität Cambridge, wo er eine Arbeit hatte. Als er nach Delhi zurückkam, kontaktierte er uns.
Er kam an Silvester 2018. Die Dreharbeiten begannen im Januar 2019. Es dauerte drei Jahre, bis der Film vollständig abgedreht war. Im Januar 2022 wurde er veröffentlicht.
Wegen Covid mussten wir die Dreharbeiten zeitweise unterbrechen, aber immer wenn die Lockdowns aufgehoben wurden, begannen wir wieder zu drehen. Während der Covid-Lockdowns waren wir am Arbeiten. Die Menschen waren zu Hause. Sie hatten nichts zu tun, also ließen sie viele Drachen steigen, was zu mehr Verletzungen bei den Vögeln führte.

 

FoG: Haben Sie und Shaunak das Konzept des Films besprochen?

Nadeem: Wir hatten keine Ahnung, wie der Film aussehen würde. Nach zwei Jahren Dreharbeiten sagte Shaunak: „Habt Ihr meinen vorherigen Film nicht gesehen?“ Ich sagte: „Nein.“ Worauf er uns seinen Film Cities of Sleep schickte. Es geht um obdachlose Menschen in Delhi, die auf den Straßen schlafen. Als der Film dann fertig und eine Kopie fertiggestellt war, waren wir erstaunt. „Was ist das für eine Art Film?“ fragten wir. „Er wirkt nicht wie ein Dokumentarfilm, nicht wie ein Spielfilm.“ Unsere erste Reaktion war also: „Das ist ein spezieller Film. Willst du wirklich, dass die Leute das sehen?“

Saud: Aman (der Produzent) fragte mich: „Was hältst du von dem Film?“ Ich sagte: „Es ist speziell.“ Er sagte: „Nichts weiter?“ Ich sagte: „Nichts weiter.“

 

FoG: Wie hat der Filmprozess euer Leben und das der Vögel beeinflusst?

Nadeem: Als die Dreharbeiten im Januar 2019 begannen, sagte Regisseur Shaunak: „Sobald ich Euch vor der Kamera gähnen sehe, können wir brauchbares Filmmaterial herstellen.“ Wir gaben uns Mühe, nicht zu gähnen, aber nach sechs Monaten rief Shaunak an und sagte, wir hätten endlich das benötigte Material, weil ich – von mir selbst unbemerkt – gegähnt hatte. Es hatte also sechs Monate gebraucht, bis wir uns vor den Kameras wohlfühlten. Auch die Mikrofone – wir vergaßen oft, dass wir verkabelt waren und jemand den ganzen Tag über mithörte. So entwickelten wir eine Gebärdensprache für private Gespräche.

Auch die Vögel gewöhnten sich an die Kameras. Anfangs hatten sie Angst, wenn Leute Objektive auf sie richteten. Sie dachten, sie würden bedroht. Aber mit der Zeit gewöhnten sie sich daran. Sie entspannten sich schließlich vor der Kamera, vielleicht mehr noch als wir.

 

FoG:Wie groß war das Filmteam?

Nadeem: Das variierte. Manchmal waren es nur drei Leute, manchmal bis zu zwölf, je nach Jahreszeit und was gerade gefilmt wurde. Der Kameramann Ben Bernhard aus Deutschland, kam mit einem großen Team und nutzte anspruchsvolle Ausrüstung wie Kräne und Trolleys. Sie filmten fünf Tage die Woche, von morgens bis spät in die Nacht. Manchmal, wenn wir schon um 2 Uhr nachts arbeiteten, waren sie auch da.

Ich saß manchmal mit dem Regisseur zusammen und gab Vorschläge zur Kameraperspektive. So waren wir aktiv beteiligt.

 

FoG: Hat die Kamera eure Handlungen beeinflusst?

Nadeem: Es fühlte sich an, als wäre die Kamera nicht da. Shaunak wollte unsere echte Persönlichkeit einfangen. Sobald wir uns an die Kameras gewöhnt hatten, machten wir einfach mit unserer Arbeit weiter, selbst während einiger Streits. Wir agierten nicht für die Kamera, wir waren einfach wir selbst.

Saud: Ja, wir hatten viele Streits vor der Kamera.

Nadeem: Wir streiten uns eigentlich recht viel. Aber das beeinträchtigt unsere Beziehung nicht. Wir streiten und danach ist alles so, als wäre nichts passiert. Das hat auch das Filmteam erstaunt. Wir sind eigentlich mehr wie zwei Freunde als wie Brüder.

 

FoG: Der Film behandelt zwei Erzählebenen – wie wir die Natur und wie wir uns gegenseitig behandeln. Wie sehr beeinflussen religiöse Konflikte euer Leben?

Nadeem: Wir sind an die Realität unserer Gesellschaft gewöhnt. Als wir jung waren, gab es viele religiöse Unruhen, aber über viele Jahre herrschte Frieden. 2020 gab es einige religiöse Konflikte, aber inzwischen hat sich die Lage beruhigt, und es gab in den letzten vier Jahren keine Gewalt. Wir hoffen, dass der Frieden bestehen bleibt.

Menschen aller Ethnien bringen verletzte Vögel zu uns, und sie alle schätzen unsere Arbeit, unabhängig von ihrer Religion.

 

FoG: Wie wurde der Film vom indischen Publikum aufgenommen?

Nadeem: Der Film wurde auf einer Online-Plattform veröffentlicht, daher haben ihn nicht viele Inder gesehen. Aber bei Vorführungen in Delhi nehmen wir an Q&A-Sitzungen teil, und das Feedback ist überwältigend positiv. Die Leute loben sowohl unsere Arbeit als auch die Qualität des Films. Wir hoffen, den Film auch in anderen Ländern wie der Schweiz und Deutschland zu zeigen, wenn uns jemand dabei helfen kann.

 

FoG: Hat der Erfolg des Films und die Oscar-Nominierung eurer Sache geholfen?

Nadeem: Ja, viele Menschen, die den Film sehen, kontaktieren uns oder spenden. Wir erhalten viele kleine Spenden aus der ganzen Welt. So auch von einem der Produzenten des Films, Tangled Bank Studios. Jetzt suchen wir nach nachhaltiger Finanzierung. Wir müssen regelmäßige Spendenaktionen auf die Beine stellen und arbeiten derzeit mit einem gemeinnützigen Verteiler in den USA zusammen, um Mittel für unsere Arbeit zu sammeln.

 

FoG: Was sind eure Zukunftspläne?

Nadeem:Wir wollen ein richtiges Krankenhaus auf einem größeren Grundstück nach internationalen Standards bauen. Derzeit arbeiten wir in unserem Haus. Wir müssen das Krankenhaus an einen anderen Ort verlegen, mit standardisierten Gehegen und Einrichtungen. Das ist unser langfristiges Ziel, aber das wird Zeit brauchen. Derzeit versuchen wir, einen Krankenwagen für Vögel und ein Röntgengerät zu bekommen.

Saud:Wir brauchen auch ein Blutdruckmessgerät.

Nadeem: Ja, damit wir unsere Diagnose- und Behandlungsfähigkeit verbessern können. Momentan müssen wir uns auf unseren Tastsinn verlassen, um Brüche zu erkennen.

 

FoG: Was tut die Stadt gegen die Umweltverschmutzung?

Nadeem: Die Regierung arbeitet am Thema Umweltverschmutzung, aber das Problem ist gravierend. Die Luftqualität hat sich im Vergleich zu vor ein paar Jahren verbessert, aber sie ist immer noch schlecht. Während der Dreharbeiten erreichte die Verschmutzung einmal 9.999 µg/m³, das ist die Obergrenze des Messgeräts. Heute liegt die Luftqualität bei etwa 500 µg/m³, was wir jetzt als „saubere Luft“ betrachten. (Werte über 200 µg/m³ gelten als gesundheitsschädlich. Anmerkung der Red.)

FoG: Vielen Dank für Ihre Zeit!

Nadeem und Saud: Vielen Dank!

 

Das Gespräch führten Anna Faroqhi und Haim Peretz am 29. August 2024 zwischen Berlin und Neu-Delhi.