Von Martina Zöllner
Wirklich? Morgens aufwachen, nach dem Handy greifen, die neuesten Nachrichten lesen, nicht glauben können, was wieder passiert ist: der entfesselte Narzissmus Trumps und seine Konsequenzen für die Welt, der fürchterliche, festgefahrene Angriffskrieg Putins gegen die Ukraine, der planlose, das Völkerrecht missachtende Irankrieg mit seinen weitreichenden Folgen für die Menschen im Mittleren Osten und für die Weltwirtschaft. Die ultrarechten Parteien Europas haben beständig Zulauf, in Deutschland kommt die AfD nun auch im Westen auf hohe Zustimmungswerte. Der erste Kipppunkt des Klimasystems ist irreversibel überschritten.
Die Welt, so scheint es, ist aus den Fugen. Die tektonischen Platten der Nachkriegs-weltordnung: verschoben, sicher geglaubte Wertekategorien gelten nicht mehr. Wir suchen nach Worten für die eigene Fassungslosigkeit und kommen über hilflose Phrasen oft nicht hinaus. Europa stärken, die demokratische Staatsform retten, die Freiheit der Kunst verteidigen, ja sicher, aber wie geht das, und was kann jeder Einzelne beitragen? Aktivistin werden? Doch lieber auswandern?
Oder vielleicht Filme machen? Aber können Filme überhaupt etwas bewirken? Wir antworten mit den großen Francois Truffaut: „Film ist nicht das Leben, aber er kann mehr über das Leben sagen als das Leben selbst.“
WIRKLICH lautet das Motto unseres diesjährigen Festivals.
Auch das lässt sich damit assoziieren: Die gesellschaftlichen und ökonomischen Auswirkungen der Künstlichen Intelligenz überrollen derzeit die Welt – und das, so scheint es, ist erst der Anfang eines bedrohlichen, unabsehbaren Kulturwandels. KI lässt Wahrheit und Lüge endgültig ununterscheidbar werden, bedroht ganze Berufsfelder, verändert auch das Filmemachen. Ob und wie ein verantwortungsvoller Umgang mit KI im filmischen Produzieren und darüber hinaus möglich ist, auch das ist dieses Jahr Thema bei „Film oder Grenzen“.
Wie wir die aktuelle Wirklichkeit erleben, wie wir in ihr leben und manchmal auch nur zu überleben versuchen, all das bietet reichen Stoff für Geschichten. Wir wollen Ihnen dieses Jahr besonders glaubwürdige, realistische, wahrhaftige Filme zeigen: Filme, die die brüchig gewordenen Realitäten, in denen wir uns zurechtfinden müssen, aufnehmen, reflektieren und deren Heldinnen und Helden sich dagegenstemmen. WIRKLICHE Filme als Gegengift zu Fake News und künstlichen Scheinwelten, Filme zum Festhalten in unsicherer Zeit.