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2022

Und alle sind gefragt, ohne Ausnahme. Ein Gespräch mit Volker Schlöndorff

Die Welt gerät aus ihren Fugen, nichts scheint mehr so, wie wir es vor Jahren noch gelebt haben. Sind wir auf einem guten Weg oder fühlt sich alles einfach nur noch falsch an? Volker Schlöndorff, der deutsche Oscar-Preisträger, über seinen allerersten Dokumentarfilm, der sich den aktuellen Themen der Zeit auf eine sehr eigene und auch emotionale Weise nähert. Es geht dem Regisseur nicht nur um die Umwelt, die wir bewußt zerstören, sondern auch um die soziale Gemeinschaft, für die wir uns einsetzen müssen, bevor wir aus unserem Wohlstandskokon heraus die Orientierung für das Wesentliche verlieren.

Von Ralf Hermersdorfer

 

Herr Schlöndorff, Sie präsentieren auf dem Festival FILM OHNE GRENZEN Anfang September in Bad Saarow Ihr Filmprojekt „Der Waldmacher“. In der Story geht es um den Träger des Alternativen Nobelpreises, Tony Rinaudo, welcher in einer einzigartigen Aktion eine afrikanische Wüste wieder begrünt. Wie haben Sie sich beide kennengelernt?

 

Das war purer Zufall. Ich bin nun schon seit über zehn Jahren für die Organisation World Vision als Botschafter tätig und Tony Rinaudo gab einen Vortrag über sein Projekt in Stockholm. Ich war völlig beeindruckt von seinem Enthusiasmus, seiner Persönlichkeit und vor allem von der Einfachheit seiner Methode. Und ich habe ihn gefragt, warum sich das noch längst nicht in ganz Afrika durchgesetzt hat, diese irre Idee, altes Baumwurzelwerk zu reaktivieren und dann sagte er, leider bin ich allein auf weiter Flur. Ich sagte, das kann doch nicht sein, da muss sich etwas ändern, soll ich einen Film über Sie machen, so halb im Scherz. Und er meinte, das wäre echt eine gute Idee! Sechs Wochen später hatte er eine Reise durch Mali, Ghana und Niger geplant, da bin ich dann spontan einfach mitgefahren, nur mit einer kleinen Handkamera. Vor Ort habe ich gesehen, wie spannend die Geschichte war und buchte mir noch einen lokalen Kameramann und Tonmann. Es hat sich ziemlich schnell herausgestellt, dass unser Dreier-Team völlig ausreichend war und dann habe ich den ganzen Film in diesem dokumentarischen Stil gemacht.

 

Nach über dreißig eigenen Spielfilmen ist „Der Waldmacher“ Ihre erste Dokumentation im Kinoformat. Wie hat sich das für Sie angefühlt, kein Drehbuch, kein großes Set und kein Produzententeam, das einem ständig im Nacken hängt, sondern ganz einfach in Eigenregie das reale Geschehen abzubilden?

 

Es war eine große Befreiung. Ich begann dieses Filmprojekt, weil ich hundert Prozent davon überzeugt war und ließ es einfach laufen. Es ist ein großartiges Gefühl, komplett unabhängig zu sein. Ich habe zu Anfang alles aus eigenen Mitteln finanziert. Dazu kam dann glücklicherweise, dass mitten in der Produktion auch ARTE davon gehört hatte und auch ein richtiger Produzent (lacht), aber bis dahin haben mir Freunde einfach mit Spenden geholfen, sodass ich niemanden hatte, der mir konzeptionell reinredete, weder im Guten noch im Schlechten. Man ist ohne großes Produktionsteam sehr locker und unaufwändig unterwegs. Am Ende waren wir ein Teil der Dorfbewohner, haben jeden Tag mit ihnen verbracht und ihre Sorgen hautnah kennengelernt. Dadurch besitzt dieser Film auch eine faszinierende, authentische Wirkung. Und so bin ich von heute auf morgen zum Dokumentarfilmer geworden, was eigentlich niemals meine Intention war.

 

Mit diesem Doku-Film setzen Sie ein klares und auch emotionales Statement. Warum ist Ihnen Ihr Engagement zum Thema Umwelt so wichtig?

 

Vom Kopf her sagt jeder, wir müssen etwas für die Umwelt tun, sonst geht die Welt unter. Aber etwas anderes ist es natürlich, wenn man die Menschen vor Ort erlebt und ihre Nöte und Ängste erst einmal verstehen kann. Da ist auch ganz unbeabsichtigt eine Menge Emotion in meinen Film hineingeraten. Ich bin ja eigentlich ein klassischer Spielfilmregisseur, so habe ich dann Tony Rinaudo für mich als Hauptdarsteller betrachtet, die afrikanischen Bauern und Bäuerinnen als Nebendarsteller und habe mit ihnen versucht, eine Geschichte zu erzählen, weil sie mich so berührt haben. Man muss die Emotion in Afrika spüren, wo die Menschen das Problem betrifft und sie damit auch leben müssen.

 

Wenn man sich Ihre Filmographie anschaut, dann fällt auf, dass sie sich stets mit Rollen von Benachteiligten auseinandersetzen, in dezenter, unaufdringlicher Weise. Ist das Ihre Passion?

 

Ja, das ist angeboren bei mir (lacht). Für die allermeisten Menschen ist nichts schwerer zu ertragen, als Ungerechtigkeit. Da empört sich eben etwas in mir, das war bei mir schon seit meiner Schulzeit so. Ich habe mich einfach in alle Belange eingemischt, da wurde ich dann immer automatisch der Klassensprecher. Als ich in Frankreich zur Schule ging, habe ich noch die Nachwirkungen der Kolonialbefreiungskämpfe mitbekommen, das setzt sich einfach fest und immer fort. Und wenn man dann raus in die Berufswelt geht, dann geht der Kampf für eine gerechte Welt erst richtig los. Ich bin mein ganzes Leben lang in dieser Hinsicht immer wieder sensibilisiert worden. Natürlich habe ich einerseits Literaturverfilmungen gemacht, aber andererseits eben doch mit einem gesellschaftlichen Bewusstsein. Das war mir immer wichtig, wenn auch zum Teil unbewusst, weil es mich mein ganzes Leben lang geprägt hat.

 

FILM OHNE GRENZEN feiert in diesem Jahr sein 10jähriges Jubiläum. Als Oscar-Preisträger waren Sie auf sämtlichen großen Festivals weltweit unterwegs. Was macht aus Ihrer Sicht den Reiz des kleinen, aber feinen Festivals in Bad Saarow aus?

 

Vor kurzem erst war ich in Jerusalem Jury-Vorsitzender bei einem Independent-Festival. Diese Festivals waren mir eigentlich immer viel lieber, als die großen roten Teppiche, wo sich alle abfeiern. Warum? Weil man dort ins intensive Gespräch kommt, nicht nur mit Kollegen, sondern auch mit dem Publikum. Genauso ist es auch in Bad Saarow, man hat dort das Gefühl, es ist ein entspanntes Filmwochenende. Die Pferde auf der Koppel nebenan gucken auf die Leinwand, und in der Scheune, wo die Filmvorführungen laufen, liegen Strohballen, das hat schon irgendwie etwas ganz Besonderes. Gerade in den heutigen Zeiten, wo es so schwer geworden ist, Leute überhaupt noch ins Kino zu kriegen, ist das ein ganz anderes Erlebnis.

 

Wie sehen Sie die Bedeutung mittels des Mediums Film, gesellschaftsrelevante Fragen zu diskutieren? Oder bewegen sich Filmschaffende oft in einer eigenen, intellektuellen Blase?

 

Gerade die kleineren Festivals werden so gern besucht, weil man dort das Gefühl hat, man kann miteinander reden, man diskutiert über den Film, den man gesehen hat, man ist nicht nur Konsument, man ist wirklich Teilnehmer an der Sache. Das ist immens wichtig für den Austausch und bringt die Kommunikation auf eine neue Ebene. Heutzutage hat jede Stadt ihr eigenes Festival, dort spielt sich mittlerweile die Filmkunst und das Programmkino ab, nicht mehr in den großen Kinosälen. Das ist überlebensnotwendig für die Branche geworden, sie hat das bloß noch immer nicht verinnerlicht. Ich habe nichts mehr zu verlieren und bin schon immer sehr reisefreudig gewesen, allein in diesem Sommer bin ich zu mehreren Festivals in ganz Europa gefahren. Was mir dabei allerdings auffiel, dass gerade die jungen Kollegen diese Chance nicht nutzen. Die Autoren, Schauspieler und Regisseure der aktuellen Generation müssen in die Kinos gehen, an die Basis, dorthin wo es auch mal wehtun kann. Die Zuschauer suchen den Kontakt und wollen diskutieren, das muss man eigentlich als ein Geschenk betrachten.

 

Aktuell sind wir mit diversen globalen Herausforderungen konfrontiert. Erst die Pandemie, jetzt der Krieg in der Ukraine, dann die drohende Energiekrise und Inflation. Die Menschen umtreibt ein Gefühl der Hilflosigkeit und Ungewissheit.

 

Ja, und genau deshalb suchen sie auch nach Antworten, das ist mehr als nachvollziehbar. Sicher gibt es viele, die sich isolieren und lieber zurückkriechen, wie Krebse in ihre Schale. Aber gerade die Interessierten, die Mutigen gehen raus, haben das Gefühl, das können wir nur gemeinsam bewältigen, dafür müssen wir aber etwas tun. Und diese Leute suchen nach Kontakten und Antworten, die die Gesellschaft ihnen bieten muss. Und da sind alle gefragt, ohne Ausnahme.

 

Wenn man sich so umhört gewinnt man durchaus den Eindruck, dass die Stimmung in unserem Land leicht angespannt ist, polarisiert in sämtliche politische Strömungen. Ein Härtetest für die Demokratie. Was können wir tun und wie vermeiden wir gesellschaftliche Verwerfungen?

 

Ich würde das durchaus auch genauso definieren, als einen Härtetest. Ich kann aber nur inständig hoffen, dass wir diesen überstehen. Aus meiner Sicht kommt es davon, dass die Leute jahrelang politisch uninteressiert vor sich hingelebt und dadurch auch die Orientierung verloren haben. Sie haben sich eingeigelt in ihrem Wohlstandskokon. Was ist denn überhaupt eine Partei, was ist ein Programm, was ist eine Ideologie, wonach kann ich mich eigentlich richten? Da müsste, wie der ehemalige Bundespräsident Roman Herzog mal sagte, endlich ein Ruck durch Deutschland gehen. Es ist und bleibt natürlich sehr beunruhigend, dass die aktuelle Lage so polarisiert. In den 1968er Jahren ging es auch politisch unheimlich hart zur Sache, keiner hat dem anderen etwas vergeben. Es war im Umgang und in der Konversation alles fast noch härter als heute, aber ich hatte damals zumindest immer noch das Gefühl, dass es um die Sache selbst geht. Und nicht so wie jetzt, wo nur Lagermentalitäten im Vordergrund stehen.

 

Und was glauben Sie, wie kann man Menschen wieder motivieren, wie bekommt man wieder so ein positives Lebensgefühl in die Gesellschaft rein?

 

Zum Beispiel einfach mal wie hier im Film die Afrikaner in ihren Lebensumständen betrachten, denen es wirklich viel schlechter geht, die aber trotzdem ein viel positiveres Lebensgefühl haben. Sie tragen eine Zuversicht, dass es weitergeht, dass sie irgendwie die Probleme des Lebens bewältigen werden. Sie gehen in jeden Tag mit dem Bewusstsein, das hat der liebe Gott mir so zugeteilt, das ist mein Leben und da hilft es nicht zu jammern. Sie können sich eine Alternative gar nicht vorstellen und sind deshalb viel fröhlicher und zuversichtlicher als wir. Ich glaube, wenn wir uns alle mal etwas intensiver mit der Welt beschäftigen würden, hätte das einen heilsamen Effekt. Also ich bin dadurch zum Optimist geworden, weil ich es aus erster Hand erfahren habe.

 

Herr Schlöndorff, was umtreibt Sie persönlich eigentlich am meisten?

 

Gott sei Dank treibt mich heute viel weniger als früher, aber nur altersbedingt (lacht). Aber gleichzeitig finde ich, es gibt so viele Sachen, die man tun kann und deshalb kann ich die Resignation anderer Menschen nicht verstehen. Wenn ich solche Leute sehe, möchte ich sie am liebsten nehmen und schütteln und sagen, es gibt ganz viel, was man tun kann. Sobald man etwas macht, ist man auch wieder optimistisch drauf, umso aktiver und zuversichtlicher wird man. Es ist tatsächlich eine ganz einfache Wahrheit: Die Energie kommt beim Machen, die verbraucht sich nicht. Ganz im Gegenteil, die Batterien laden sich immer mehr auf, je mehr man tut.

 

Das Thema des diesjährigen Festivals in Bad Saarow ist ÜBER_MORGEN. Was gibt Ihnen die Zuversicht auf eine friedvolle und positive Zukunft, wenn sie an das Übermorgen denken?

 

Was mir Zuversicht gibt, ist der Blick zurück. Wenn ich sehe, was alles im 20. Jahrhundert passiert ist, was die Menschen alles durchstehen mussten. Den Zweiten Weltkrieg habe ich als Kind noch miterlebt, wenn ich aber noch weiter zurückschaue, in jedem Jahrhundert unserer Vergangenheit gab es viel schlimmere Herausforderungen als jetzt, unfassbare Zerstörungen und Unrecht. Ich glaube, mal abgesehen vom Klima, ist die Menschheit insgesamt eher auf einem guten Weg. Und das gibt mir durchaus Hoffnung auf die Zukunft.

 

Sie haben maßgeblich die deutsche Filmlandschaft geprägt, erst durch ihren Oscar-Beitrag „Die Blechtrommel“ erhielt der deutsche Film die internationale Aufmerksamkeit und Anerkennung, die er verdient hat. Jetzt sind Sie mittlerweile schon über sechzig Jahre im Filmgeschäft. Was treibt Sie persönlich immer noch an?

 

Der Spaß an der Sache, so einfach ist das! Erst vor kurzem war ich backstage bei den Rolling Stones, die ziehen auch seit sechzig Jahren durch die Weltgeschichte, und da habe ich Keith Richards gefragt, ist das jetzt euer letztes Konzert, und er hat gesagt, naja, vielleicht machen wir nächstes Jahr einfach weiter, denn das macht einfach so einen riesen Spaß! Ja, die brauchen das Geld nicht, die brauchen den Ruhm nicht, es macht ihnen einfach nur Spaß. Und so geht es mir auch.

Wir freuen uns auf die Fortführung des Filmgesprächs mit Volker Schlöndorff bei der Präsentation von DER WALDMACHER beim 10. FILM OHNE GRENZEN Festival (1.9.2022, ab 18 Uhr).

© FILM OHNE GRENZEN e.V., 2022

Veröffentlichung, Verbreitung und Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung von Film ohne Grenzen e.V.

© Foto: Weltkino Filmverleih

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