Programm
2022

Jede Geschichte zur richtigen Zeit fühlt sich essenziell an

Mit ihrem Langfilmdebüt und Hochschulabschlusswerk THE ORDINARIES sorgt die Regisseurin, Drehbuchautorin und Produzentin für reichlich Aufsehen: Sophie Linnenbaum zeigt Kino als einen gesellschaftlichen Spiegel und macht die Hierarchien klar, die in Filmhandlungen installiert sind. Am Sonntag, den 4. September 2022, kommt der Streifen zur Festivalpremiere bei FILM OHNE GRENZEN, im Anschluss ist eine Podiumsdiskussion mit Sophie Linnenbaum geplant. Wir haben im Vorfeld mit ihr sprechen können über die gesellschaftliche Integration von Minderheiten und wer in unserer realen Welt die Hauptrollen und Nebenrollen spielt.

 Von Tamara Gajić

 Sophie, deine Science-Fiction-Satire «The Ordinaries» ist beim Förderpreis Neues Deutsches Kino auf dem Filmfest München als große Siegerin hervorgegangen: Du wurdest mit dem Nachwuchspreis für die beste Regie geehrt. Wie fühlt sich das an, beeinflusst das irgendwie deine Zukunftsplanung?

(lacht) Ich habe mich tierisch über die Wertschätzung für den Film gefreut, aber viel mehr noch darüber, dass die Produzentinnen ausgezeichnet wurden! Ich habe mir das so sehr gewünscht, weil sie so viel in das Projekt reingesteckt haben. Natürlich bin ich auch persönlich sehr dankbar für die Auszeichnung, mal schauen, was das mit der Zukunftsplanung macht.  An meinen persönlichen Bedürfnissen, was ich erzählen will, hat das nichts geändert. Bezüglich meiner Möglichkeiten ist es aber hoffentlich nicht von Nachteil.

Was schwirrt dir da aber perspektivisch durch den Kopf?

Mein Wunsch, Geschichten erzählen zu wollen, die mich antreiben, bleibt unverändert. Es ist schön, dass es Wertschätzung und ein offenes Ohr gibt, das macht mir auf einer gewissen Ebene Hoffnung. Allerdings neige ich ein wenig zum Pessimismus. Man ist nur ein kleiner Tropfen in einem großen Teich, das lehrt Einen Demut. Denn die Filmbranche ist nun mal kein unbegrenztes Becken, indem wir alle schwimmen können.

Hast du eine filmische Geschichte im Kopf, wo du sagst, das ist mein ganz großes Ziel, das wollte ich schon immer umsetzen – egal wie, egal wann?

Nein, die sind irgendwie alle gleichberechtigt. Wenn wir diesen Dreh jetzt nicht hätten machen können, dann würden wir alle noch immer mit brennendem Herzen dasitzen. Aber jede Geschichte, die zur richtigen Zeit auf den Weg kommt, fühlt sich wichtig und essenziell an.

Wenn wir jetzt deinen Film als Basis nehmen und das mit der aktuellen Gesellschaft assoziieren, leben wir in einer Dreiklassengesellschaft?

(lacht) Ja, definitiv! Ich glaube, es gibt drei Klassen im übertragenen Sinne, ein Außen, ein Innen, welche sich gegenseitig definieren und dazwischen eine Art Pufferzone. Alle drei Gruppen sind nötig, um den Mechanismus am Laufen zu halten. Also dieses „wir“ und „die“ aufrecht zu halten, das seit Jahrzehnten, seit Jahrhunderten in verschiedensten gesellschaftlichen Kontexten meistens von ähnlichen Menschen bestimmt wird.

Wer spielt denn in unserer Welt die Hauptrolle und wer die Nebenrolle?

Was ist unsere Welt? Statt Figuren konkret zu definieren, würde ich sagen, es gibt Menschen, die profitieren mehr von dem, was auf kapitalistischer Weise passiert oder haben gesamtgesellschaftlich größere Einflüsse und werden mehr gesehen. Und das bezieht sich auf verschiedenste Klassen und verschiedenste Formen von Diskriminierung, sei es Klassismus, Rassismus oder auch Sexismus. Es gibt nicht nur zufällige Opfer und Täter, wir sprechen von einem System, das einen kapitalistischen Nutzen hat. Die Gruppen müssen geschaffen werden, um sich einen Vorteil zu verschaffen oder ein bestehendes System aufrecht zu erhalten.

Und wie würdest du das perspektivisch einschätzen? Wie können wir überhaupt die Mechanismen von Ausgrenzung in Zukunft aufbrechen?

Das alles ist so tief in unserer Gesellschaft verwurzelt. Die Frage ist doch viel eher, ob wir das wirklich wollen. Dass es schrittweise Achtsamkeiten und Verbesserungen gibt, dafür bin ich dankbar. Aber das sind nur kleine Bewegungen, die ich versuchen kann, zu unterstützen, auch weil ich selbst nicht diese Arten von Diskriminierung und Ausgrenzung erlebt habe.

Gibt es denn ein Patentrezept für die gesellschaftliche Integration aller Minderheiten? Ist das überhaupt möglich?

Krasse Frage. (lacht) Was will man und was kann man? Wo setzen wir an? Was ist am Notwendigsten? Wonach vergüten wir? Das alles findet auf so vielen Ebenen statt, die Selbstverständlichkeit und die Wertung sind dabei tief verankert. Es sind viele Sachen, die diesem Patentrezept im Weg stehen könnten.

Wie wichtig ist diese Branche in Bezug auf Diversität? Man merkt, dass sich sämtliche Produktionsfirmen immer mehr darum bemühen.

Ja, super wichtig. Eine Sichtbarkeit und Selbstverständlichkeit zu schaffen ist wichtig, sowohl vor als auch hinter der Kamera. Die Dinge, die jetzt passieren, passieren auch nicht unkommentiert. Es gibt auch eine Gegenwahrnehmung. Es ist immer komplex zu begreifen, dass wir alle Rassismen in uns tragen. Ich würde mir wünschen, dass man offener ist für gewisse Sichtweisen und mehr Expert*innen einbezieht.

Was braucht man, dass die eigene Herkunft in Zukunft keine Rolle mehr spielt und das in jeglicher Form? Wenn wir beispielsweise in der Form mit der Integration so weitermachen wie bisher? Hat das was mit Selbstverständnis zu tun?

Ja, und mit Narrativen, diese Hoffnung habe ich. Wir leben aber auch in unserer eigenen Bubble, in der wir uns informieren und offen sind für andere Narrative. Es ist aber alles eingeschränkt, weshalb ich mich tierisch darüber freue, wenn ich in Trash-Formaten progressive Gedankengänge verfolgen kann, wo Sachen aufgebrochen und Probleme angesprochen werden. Dafür brauchen wir ein Gefühl, eine Brücke. In diesen Bereichen sollte viel passieren.

Zum diesjährigen Festivalthema ÜBER_MORGEN: Was gibt dir Hoffnung und was gibt dir Zuversicht?

Sorgen in primärer Sicht, denn es fällt mir schwer, eine pure naive Hoffnung zu haben, wo die utopischen Narrationen fehlen. Unsere derzeitigen „Geschichten“ haben die Tendenz zu einer negativen Zukunftssicht und sind oft nicht lösungsorientiert. Medien transportieren vermeintliche Wahrhaftigkeiten, die möglich oder unmöglich scheinen. Wenn ich permanent das Narrativ der Ausgrenzung wiederhole, und dabei im Ist-Zustand hängen bleibe, also nur zeige, dass es existiert, bleibt das in unseren Köpfen hängen. Da fehlt der nächste Schritt. Auch beim Thema Klimawandel ist das nichts Neues, es ist fast wie eine erlernte Hilflosigkeit, wenn man permanent merkt, dass die wirtschaftlichen Interessen immer größer sind, als das Bestreben Lösungen anzugehen. Ich freue mich aber, dass mittlerweile Stück für Stück gewisse Privilegien in Frage gestellt werden. Ich habe die Hoffnung, dass die nachfolgende Generation achtsamer und klüger handeln kann

Die Leute flüchten aus den Blockbuster-Kinotempeln und die kleinen überschaubaren Festivals werden überrannt. Warum möchten Leute auf kleine Festivals gehen, woher rührt diese Tendenz?

Filme sind Kommunikation und wir müssen die Chance nutzen, mit den Leuten über die Filme hinaus ins Gespräch zu treten. Ich bin lieber in einem kleinen Kino mit zehn Zuschauer*innen, mit denen ich im Anschluss sprechen kann, als dass es für so einen Kontakt auf einem sogenannten Publikumsfestival keine Zeit gibt, weil direkt der nächste Film laufen muss. Auf diesen „großen“ Festivals traut sich dann oft keiner, mich überhaupt anzusprechen, weil alles wichtiger ist. Die kleinen Festivalorte sind wie eine Oase, wo einmal im Jahr Leute zusammenkommen und zelebrieren können. Miteinander, aber auch füreinander.

 

© FILM OHNE GRENZEN e.V., 2022

Veröffentlichung, Verbreitung und Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung von Film ohne Grenzen e.V.

Foto: © Jonas Ludwig Walter

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